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Protest in Hongkong : Im Herzen tragen sie Angst

Die andauernden Proteste in Hongkong sind eskaliert. Bild: dpa

Demonstranten in Hongkong stürmen das Parlament. Über Tage hatte sich die Wut aufgestaut. Nun rechnen die Teilnehmer der Proteste mit dem Schlimmsten.

          Schon Stunden bevor Demonstranten den Hongkonger Legislativrat stürmen, ist die Stimmung im Regierungsviertel aufgeheizt. Ein älterer Herr zückt sein Mobiltelefon und macht ein Foto von einer Straßenblockade. „Keine Fotos“, schreit eine Frau von einer Brücke herab und zeigt mit dem Finger auf den Mann. Sofort ist er von einer Gruppe junger Leute umringt. Sie tragen Gesichtsmasken, damit man sie auf Fotos nicht identifizieren kann. „Wir fühlen uns überwacht“, sagt Jadyn, eine Demonstrantin. „Es ist schwer zu sagen, wer hier auf welcher Seite steht.“

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Demonstranten glauben, die Polizei könnte Spione in die Menge schicken, um Beweismittel für Strafprozesse zu sammeln. Und Provokateure, um einen Vorwand zu schaffen, gewaltsam gegen sie vorzugehen. „Die Ungleichheit der Macht zwischen der Polizei und den Bürgern macht mich wütend“, sagt die Studentin. Ihr Kampf sei ein Kampf gegen das übermächtige China.

          Am Abend dann entlädt sich die Ohnmacht in Randale. Einige hundert Demonstranten stürmen das Gebäude des Legislativrats, begleitet vom Schlachtruf „Los geht’s, Hongkonger“. Sie reißen das Porträt des Ratspräsidenten von der Wand, schlagen mit Metallstangen auf die Einrichtung ein, sprühen mit Farbe den Satz „Die Regierung zwingt uns dazu“ an die Wand und besetzen den Sitzungssaal. Die Teilnehmer sind auf den Ernstfall vorbereitet. Gut hörbar tauschen sie Tipps aus, wie sie sich im Falle ihrer Festnahme verhalten sollten. Doch eine Stunde nach der Erstürmung des Parlaments ist die Polizei noch immer nicht eingeschritten. Es war eine Eskalation mit Ansage. Stunden zuvor hatten wenige Demonstranten mit einem Metallwagen eine Glastür des Gebäudes zerstört und andere mit den Händen die Metallfassade entfernt.

          Ein Demonstrant übersprüht das Wappen von Hongkong, nachdem die Proteste bis ins Gebäude des Legislativrates vordringen konnten.

          Seit längerem war klar gewesen, dass der 1. Juli ein Kampftag der Protestbewegung werden würde. Denn das Datum hat in Hongkong große Symbolkraft. Vor 22 Jahren war an diesem Tag die britische Fahne eingeholt worden. Prinz Charles hatte feierlich erklärt, dass der Hongkonger „Way of Life“ auch für die Zukunft gesichert sei. Dann war er in der königlichen Yacht „Britannia“ gemeinsam mit dem letzten Gouverneur von Hongkong, Chris Patten, davongesegelt.

          Seither feiert die Hongkonger Lokalregierung gemeinsam mit Pekinger Funktionären an diesem Tag die Wiedervereinigung. Doch diesmal ist alles anders. Noch bevor am Morgen am Pier die chinesische Fahne gehisst wird, gibt es vor dem Gebäude erste gewaltsame Zusammenstöße. Die Polizei setzt Pfefferspray und Schlagstöcke gegen Demonstranten ein, die gekommen sind, um die Veranstaltung zu stören. Später wirft sie den Demonstranten vor, einige Beamte mit Natronlauge überschüttet und verletzt zu haben.

          Der Kreis der Gäste war zuvor deutlich eingeschränkt worden, um Störungen zu vermeiden. Die Hongkonger Regierung igelt sich ein. Seit dem Aufstand der Öffentlichkeit gegen das mittlerweile auf Eis gelegte Auslieferungsgesetz agiert sie nur noch im Krisenmodus. Regierungschefin Carrie Lam, deren Rücktritt die Demonstranten fordern, meidet die Öffentlichkeit. Überall in der Stadt heißt es hämisch, nicht einmal zurücktreten dürfe sie ohne die Zustimmung von Präsident Xi Jinping.

          „Viele der jungen Leute glauben, dass friedliche Aktionen nutzlos sind“

          Vor der Erstürmung des Legislativrats waren nachmittags Zehntausende Demonstranten friedlich durch die Hongkonger Innenstadt gezogen. So wie in jedem Jahr seit 2003. Es ist die Gegenveranstaltung der prodemokratischen Kräfte gegen die offizielle Wiedervereinigungszeremonie. Seit langem hatte es geheißen, die Zahl der Teilnehmer sei entscheidend, um den Druck auf die Regierung aufrechtzuerhalten. Die Organisatoren beziffern sie mit 550.000. Deutlich weniger als bei den beiden großen Massenprotesten im Juni gegen das Auslieferungsgesetz, die die neue Protestbewegung in Gang gesetzt hatten.

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