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Namensstreit mit Griechenland : „Es gibt nur ein Mazedonien!“

Der eine Rudi Völler in Aktion. Im Gegensatz dazu ist die Einzigartigkeit Mazedoniens umstritten. Bild: Imago

Früher sangen deutsche Fans: „Es gibt nur ein Rudi Völler!“ Heute sind viele Griechen auf demselben Trip, nur geht es bei ihnen um das eine Mazedonien. Was meinen sie damit, und warum gehen sie deswegen zu Hunderttausenden auf die Straße?

          Der deutsche Fußballspieler Rudi Völler und der russische Schriftsteller Nikolai Gogol waren Meister ihres Fachs, doch wenn sie hier mutmaßlich erstmals in einem Atemzug genannt werden, liegt das nicht an ihrer Könnerschaft im Umgang mit Worten oder Bällen. Vielmehr müssen sie zur Klärung eines Sachverhalts herhalten, der erstens etwas kompliziert und zweitens scheinbar derart abseitig ist, dass viele Leser diesen Text vermutlich gar nicht weiterläsen, wenn sie jetzt nicht doch gern wüssten, was Völler und Gogol gemeinsam haben.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zuerst Völler. Ältere Leserinnen und Leser werden sich vielleicht noch daran erinnern, wie es zuging in deutschen Fußballstadien der achtziger und zum Teil noch der frühen neunziger Jahre, wenn unsere Nationalmannschaft spielte und Völler im Aufgebot stand. Völler war der beliebteste deutsche Spieler jener Zeit, und in vielen seiner 90 Länderspiele dauerte es nicht lange, bis die Fans ein Lied anstimmten, das nach der Melodie des kubanischen Gassenhauers „Guantanamera“ gesungen wurde, und zwar zu folgendem Text: „Ein Rudi Völler. Es gibt nur ein Rudi Völler. Ein Rudi Völler, es gibt nur ein Rudi Völler.“

          Diese Behauptung ist grammatisch natürlich angreifbar, steht aber empirisch auf einer soliden Grundlage und führt direkt zum Thema, wenn man sich an die Stelle von deutschen Fußballfans Griechen denkt, die das gleiche Lied grölen, nur ohne Völler drin. Bei ihnen heißt es stattdessen, dass Mazedonien einmalig sei. Das nämlich haben deutsche Fußballfans und viele Griechen miteinander gemein: Die einen halten Rudi Völler, die anderen Mazedonien für einmalig.

          Doch während die deutsche Hypothese von der Einmaligkeit Völlers international nie auf Widerspruch stieß, ist die griechische Annahme von der Singularität Mazedoniens umstritten – und das macht viele Griechen wütend. Allein in diesem Monat kamen in Thessaloniki und Athen etwa 300.000 von ihnen zusammen, um dafür zu demonstrieren, dass Mazedonien einmalig zu sein habe.

          Im Jahr 1992, als Völler von Rom nach Marseille wechselte, gingen in Athen und Thessaloniki bei den größten Demonstrationen der griechischen Geschichte sogar mehr als zwei Millionen Menschen wegen Mazedonien auf die Straße – in einem Staat von damals zehn Millionen Einwohnern. Auch eine griechische Regierung zerbrach später am Streit um Mazedonien, es gab Neuwahlen und andere Scherereien.

          Bei der Antwort auf die Frage, warum Mazedonien so viele griechische Gemüter derart bewegt, kann Nikolai Gogol behilflich sein. Der hat im Jahr 1836 die bis heute populärste Komödie Russlands veröffentlicht. Darin wird ein Reisender in einer russischen Provinzstadt irrtümlich für einen von der Obrigkeit entsandten Revisor gehalten. In der ersten Szene ruft der Stadthauptmann die wichtigsten Honoratioren des Ortes zusammen, um zu besprechen, wen und was das Städtchen, in dem einiges im Argen liegt, unbedingt vor dem Revisor verstecken müsse – den Geschichtslehrer der örtlichen Schule zum Beispiel.

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