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Corona-Pandemie : „Schweden ist nicht isoliert vom Rest der Welt“

Gesundheitsministerin Lena Hallengren (links) und Karin Tegmark, Leiterin der Behörde für öffentliche Gesundheit am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Stockholm Bild: AFP

Die Infektionszahlen sind niedrig in Schweden, aber die Behörden vorsichtig: Nun soll erstmals ein Impfpass vorgezeigt werden.

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          Schweden hatte schon fast alle Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus beendet. Es blieben vor allem noch Empfehlungen für Ungeimpfte. Das war Ende September. Am Donnerstag lag die Corona-Inzidenz im Königreich bei knapp 58, ein Spitzen-Tiefstwert in Europa.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Trotzdem hat die schwedische Regierung nun neue Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus angekündigt, die das Land in dieser Schärfe auch noch nicht erlebt hat: Man rechne im Winter mit einem Anstieg der Fälle, sagte Gesundheitsministerin Lena Hallengren zur Begründung am Mittwoch. Man sei „nicht vom Rest der Welt isoliert“. Denn rund um Schweden herum, ob aus Dänemark oder Norwegen wie auch aus Deutschland, werden fast täglich neue Infektionsrekorde gemeldet.

          Von Dezember an sollen die Schweden also zum ersten Mal einen Corona-Impfpass vorzeigen. In einer ersten Phase soll das für Veranstaltungen in Innenräumen mit mehr als 100 Besuchern eine Option für die Veranstalter sein. Das betrifft Kinos, Konzerte, Theater oder Sportveranstaltungen in der Halle. Die Veranstalter müssen dort dann zwar keine Impfausweise verlangen, aber wenn sie es nicht tun, müssen sie andere Einschränkungen hinnehmen, wie zum Beispiel Abstandsregeln. Restaurants und Bars sind zunächst davon ausgenommen.

          Die zuständige Gesundheitsbehörde hatte um die Impfpass-Einführung als Instrument gegen die Virusausbreitung gebeten, die Regierung will sie nun durch das Parlament bringen. Es zeichnet sich ab, dass bei steigenden Infektionszahlen dann auch an weiteren Orten des öffentlichen Lebens und bei Veranstaltungen die neue Pass-Regel zum Einsatz kommen könnte, vor allem in Restaurants, Bars oder Fitnessstudios. Und so wie es derzeit aussieht, wird dann tatsächlich nur eine Impfung gelten und mit dem Pass belegt – und weder ein Test noch eine Genesung als Alternative.

          Schwedens Weg durch die Corona-Krise hat immer wieder für Aufsehen gesorgt in der Welt. Vor allem weil das Land lange nicht auf Verbote, sondern auf Empfehlungen gesetzt hatte. Für manche wurde Schweden damit zum Vorbild, für andere hingegen zum abschreckenden Beispiel. Die Zahlen waren dabei eindeutig. Vor allem in der ersten Phase der Pandemie starben in Schweden viel mehr Menschen als bei den Nachbarn in Dänemark oder Norwegen.

          Es haben sich auch schon viel mehr Schweden insgesamt mit dem Virus angesteckt seit Ausbruch der Pandemie: Die Infektionsrate liegt bei 11,7 Prozent, 6,25 sind es in Deutschland. Auch die von der Regierung eingesetzte Corona-Kommission kam in ihrem zweiten Teilbericht Ende Oktober zu einem eindeutigen Ergebnis. Sie fällte ein vernichtendes Urteil über die schwedische Corona-Politik der ersten Monate: Zu langsam habe man auf die Pandemie reagiert, und dann seien die ersten Maßnahmen zur Kontrolle des Virus „unzureichend“ gewesen, um die Ausbreitung des Virus im Land zu stoppen oder wesentlich einzuschränken. Die Empörung war groß nach der Präsentation des Teilberichts der Kommission. Der Abschlussbericht wird im Februar erwartet.

          Offensichtlich wollen sich aber weder Gesundheitsbehörde noch Regierung abermals den Vorwurf machen lassen, zu lange gewartet zu haben. Als die Aufhebung der Maßnahmen im September angekündigt wurde, war dies noch mit der guten Impfquote unter den Erwachsenen begründet worden, vor allem bei den Alten. Die Impfquote bezogen auf die Gesamtbevölkerung ist mit knapp 69 Prozent zweifach Geimpften allerdings kaum besser als in Deutschland.

          Doch auch wenn die Inzidenz bislang niedrig ist und die Belastung der Intensivstationen mit derzeit 31 Covid-Patienten noch gering, geben die Behörden sich nun ausgesprochen vorsichtig. Am Donnerstag sagte Staatsepidemiologe Anders Tegnell auf einer Pressekonferenz, dass man auch in Schweden eine Tendenz zum Anstieg der Infektionen sehe. Vor allem in den mittleren Altersgruppen. Daher bereite man Maßnahmen vor, wie eben die Impfausweise.

          Wenn der „Infektionsdruck“ niedrig bleibe, sagte Tegnell, könne das ausreichen. Wenn der Anstieg aber zunehme, reichten auch die Impfpässe nicht mehr. Schon jetzt soll mehr getestet werden, und es soll mehr dritte Impfungen geben für priorisierte Gruppen. Denn das Wichtigste sei, sagte Tegnell, weiter zu impfen.

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