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Erster schwerer Atomunfall : Die Spur von Majak

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Der Ort des Geschehens: die Produktionsanlage Majak in der heutigen Stadt Osjorsk Bild: AP

Erst 1989 erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Ausmaß des Atomunfalls in Majak. Die Sowjetunion bezog von dort Material für ihre Atombomben. 1957 explodierte hochradioaktiver Abfall, dessen Kühlung versagt hatte. Heinz-Jörg Haury erinnert an die Katastrophe, die mit Tschernobyl vergleichbar ist.

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          Unbemerkt von der Öffentlichkeit ereignete sich am 29. September 1957 der erste folgenreiche Atomunfall. Sein Ausmaß ist mit dem von Tschernobyl vergleichbar. Erst 1989 wurde der Unfall, der sich auf dem Gelände der Produktionsanlage Majak in der heutigen Stadt Osjorsk ereignet hatte, auf einer Sitzung des Obersten Sowjet der Sowjetunion bekanntgegeben. Man bezeichnete ihn als „Strahlenunfall von Kysthym“, da Osjorsk, dessen früherer Name Tscheljabinsk 40 und später Tscheljabinsk 65 lautete, eine der geheimen Städte war und bleiben sollte, die es auf keiner Landkarte gab. Der Strahlenunfall von Kysthym war demnach eigentlich der Strahlenunfall von Majak.

          In der westlichen Welt veröffentlichte Schores A. Medwedew 1976 in der Zeitschrift „New Scientist“ Recherchen zu einem Unfall zwischen Tscheljabinsk und Jekaterinburg östlich des Urals. Medwedew war Biochemiker und nach einer kurzen Gefangenschaft als Dissident 1973 aus Russland ausgewiesen worden. Seine Behauptungen stützten sich vor allem auf russische Veröffentlichungen, in denen Versuche beschrieben wurden, die sich mit der Wirkung radioaktiver Stoffe auf die tierische und pflanzliche Umwelt beschäftigten.

          Zahlreiche Gerüchte um den genauen Unfallhergang

          Medwedew kam zu der festen Überzeugung, dass solche Experimente weder im Labormaßstab noch im Freiland stattgefunden haben konnten. Eine so starke radioaktive Belastung der Umwelt unter Forschungsbedingungen war nicht vorstellbar. Einige Gerüchte von Bürgern aus der ehemaligen Sowjetunion, die im Westen wohnten, nahm er in seine Veröffentlichungen auf, bewertete sie aber vorsichtig. Er kam 1976 zu dem Schluss, dass sich im Herbst 1957 oder Sommer 1958 in einem Gebiet östlich des Urals ein riesiger Strahlenunfall ereignet haben musste. Dabei dachte er nie an einen Reaktorunfall, sondern immer an einen Unfall mit radioaktiven Abfällen.

          Der amerikanische Geheimdienst CIA hatte ebenfalls, sowohl über Mittelsmänner als auch über Luftaufnahmen seiner U-2-Flüge, Hinweise auf einen Unfall zusammengetragen. Gerüchte über den Unfallhergang reichten von der absichtlichen Zündung einer kleinen Atombombe bis hin zur Explosion eines Reaktors. Westliche Wissenschaftler, deren Thesen sich auf einen Unfall in einem russischen Reaktor konzentrierten, überprüften ihre Luftmessgeräte, da sie befürchteten, radioaktive Stoffe übersehen zu haben. Nach den negativen Überprüfungen wurden Medwedews Behauptungen als blühende Phantasie abgetan. Die Weltöffentlichkeit erhielt offizielle Daten zu dem Unfall anlässlich einer Tagung der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA erst im November 1989.

          Das Kühlsystem fiel damals von allen unbemerkt aus

          Der Betrieb Majak produzierte spaltbares Material seit 1948 erst in einem, später in fünf Reaktoren. Von dem Beschluss der Sowjetunion, Atombomben zu bauen, bis hin zum ersten Test vergingen nur vier Jahre. Aus den Produktionsreaktoren wurde laufend der Brennstoff entnommen und in einem chemischen Werk das Plutonium abgetrennt. Neben dem Plutonium entstand bei diesem Prozess eine große Menge hochradioaktiver Flüssigkeit, die in zylindrische Stahltanks mit zirka 250 Kubikmeter Volumen gefüllt wurde. Diese hat man unter der Erde in Betonfassungen versenkt und mit Stahlbeton und Erde zugedeckt. Wegen der starken Strahlung und der daraus folgenden Wärmeentwicklung wurden die Behälter ununterbrochen mit Wasser gekühlt.

          Das Kühlsystem eines der insgesamt 20 Behälter war indes unbemerkt ausgefallen. Die Flüssigkeit verdampfte, und es kam zu einer chemischen Explosion, die zum Glück die anderen Behälter nicht beeinträchtigte. Die Explosionswolke erreichte eine Höhe von rund tausend Meter. Die radioaktiven Stoffe, insgesamt laut Angaben des Betreibers Majak eine Menge mit der Aktivität von 4 mal 10 hoch 17 Becquerel, gingen zum Großteil auf dem Betriebsgelände nieder. Etwa zehn Prozent verteilten sich mit abnehmender Konzentration in der von russischen Experten „Spur“ genannten Zone. Die Spur verläuft zwischen Jekaterinburg und Tscheljabinsk in nordöstlicher Richtung. Sie ist bis zu 40 Kilometer breit und mehr als 300 Kilometer lang. Auch außerhalb dieses Gebietes lassen sich geringe Mengen radioaktiver Stoffe nachweisen, so dass insgesamt eine Fläche von mehreren 10.000 Quadratkilometern betroffen war.

          Keine Informationen über den Grund der Evakuierung

          Trotz des Unfalls lief die Produktion von Majak weiter. Die hohe Strahlenbelastung des Betriebsgeländes und der Umgebung erforderten dringende Dekontaminations- und Schutzmaßnahmen sowohl für die Angestellten von Majak und die Soldaten zur Sicherung der Anlage als auch für die Bevölkerung innerhalb und außerhalb der Stadt. Am stärksten gefährdet waren rund 300 Soldaten, die sich in unmittelbarer Nähe des Unfallortes aufgehalten hatten. In den ersten Tagen wurden die Häuser, Straßen, Autos und vieles mehr in Majak dekontaminiert. Das erledigte das Personal des Betriebs zusammen mit Soldaten. Im Frühjahr 1958 waren sie fertig. Die nach Osjorsk gebrachten Lebensmittel wurden auf Radioaktivität überprüft, die Nahrungsmittel aus der „Spur“ vernichtet. Die an den Dekontaminationsarbeiten beteiligten Soldaten mussten unterschreiben, dass sie niemanden von dem Unfall informieren würden.

          Außerhalb von Osjorsk wurden 1100 Menschen, deren Wohnorte bis zu 25 Kilometer von der Unfallstelle entfernt waren, innerhalb von 14 Tagen umgesiedelt, beginnend am zweiten Tag nach der Explosion. Über den Grund der Evakuierung wurden sie nicht informiert. Die geräumten Orte wurden sofort zerstört. Vom Frühjahr 1958 bis Herbst 1959 wurden 24 weitere Orte mit rund 13.000 Bewohnern evakuiert. Bei der neuen Ernte im Frühjahr 1958 stellte man fest, dass die Lebensmittel stark mit Strontium belastet waren. Insgesamt wurde ein etwa tausend Quadratkilometer großes Sperrgebiet ausgewiesen. Heute besteht noch eine rund 165 Quadratkilometer große Sperrzone, die von Soldaten abgeriegelt wird.

          Unfall war nicht das einzige folgenreiche Ereignis

          Der Unfall führte zur Gründung medizinischer und radiologischer Einrichtungen in Osjorsk, die den Gesundheitszustand der Bevölkerung überprüfen und die Ausbreitung radioaktiver Substanzen in Pflanzen und Tieren erforschen sollten. Die Experten spielten später bei der Bewältigung des Unfalls von Tschernobyl eine herausragende Rolle. Heute kommen sie zu dem Schluss, dass es damals keine direkten strahlenbedingten Erkrankungen gab. In der Gruppe der 1957 bis 1958 umgesiedelten Menschen lassen sich keine statistisch messbaren Spätfolgen feststellen. Ähnlich wie nach Tschernobyl gibt es aber noch heute eine große Zahl von psychosozialen Erkrankungsfällen, die vor allem durch Angst und Stress hervorgerufen wurden.

          Der Unfall von Kysthym blieb nicht das einzige folgenreiche Ereignis. 1967 trocknete der auf dem Betriebsgelände von Majak liegende Karatschaj-See teilweise aus. In diesen See wurden und werden noch immer große Mengen radioaktiver Abfälle eingeleitet. Durch Aufwirbelungen des Sediments von den ausgetrockneten Flächen wurden rund 2,2 mal 10 hoch 14 Becquerel vor allem an Caesium 137 nördlich von Osjorsk verbracht.

          Majak symbolisiert Folgen der Kernwaffenproduktion

          Lange Zeit leitete Majak auch in den Fluss Tetscha radioaktive Stoffe ein, die sich 50 bis 100 Kilometer in Richtung Norden verteilten. Die am Fluss lebende Bevölkerung wusste von dieser radioaktiven Belastung nichts. Sie nutzte das Wasser für die Gärten, fing die Fische oder badete im Fluss. Als die hohe Belastung bekannt wurde, baute Majak drei Rückhaltebecken, die heute allerdings ein Risiko für das Grundwasser darstellen. Untersuchungen weisen darauf hin, dass in dieser Bevölkerungsgruppe am Fluss Tetscha manche Krankheiten gehäuft auftreten. Gerade in diesen Wochen wurde 740 Familien des Dorfes Muslymovo die Umsiedelung angeboten. Bis heute haben sich 220 Familien dafür entschieden, 250 Familien wollen den Ort nicht verlassen. Der Rest ist noch unentschieden.

          Heute symbolisiert Majak die Folgen der Kernwaffenproduktion während des Kalten Krieges. Vorsichtig geschätzt, befinden sich noch radioaktive Substanzen mit einer Gesamtaktivität von rund 3 mal 10 hoch 19 Becquerel auf dem Gelände. Zur Zeit hat Majak etwa 14.000 Beschäftigte. Ihnen obliegt unter anderem die Wiederaufarbeitung von Brennelementen aus Kernkraftwerken. Das Isotopenwerk in Majak ist einer der weltweit größten Lieferanten radioaktiver Wärme- und Strahlungsquellen und von Radionuklidpräparaten. Zu den Auftraggebern zählen Betriebe in England, Frankreich, den Vereinigten Staaten und Deutschland.

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