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Erschossener Brasilianer : Scotland Yard muss zahlen

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Scotland-Yard-Chef Blair: „Tiefes Bedauern”
          1 Min.

          Mehr als zwei Jahre nach der versehentlichen Erschießung eines vermeintlichen Terroristen ist die Londoner Polizei am Donnerstag zu einer Strafe von 175.000 Pfund (rund 250.000 Euro) verurteilt worden. Die offizielle Urteilsbegründung des Obersten Kriminalgerichts Englands lautet „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“. Neben der Strafe muss Scotland Yard auch die Gerichtskosten in Höhe von 385.000 Pfund tragen - zusammengerechnet ergibt dies eine Summe von 806.000 Euro.

          Einzelnen Polizisten wurde keine individuelle Schuld an dem chaotischen Vorgehen bei der Verfolgung und Erschießung des Brasilianers Jean Charles de Menezes zugewiesen. Die Anwälte der Polizei hatten zuvor jede Schuld zurückgewiesen. Bei der Tötung des Terrorverdächtigen habe es „Irrtümer“ gegeben, es seien jedoch keine Straftaten begangen worden. Angehörige von de Menezes kritisierten den Ausgang des Verfahrens. „Wir fordern eine vollständige und unabhängige Untersuchung und die Bestrafung der Verantwortlichen“, erklärte Familiensprecher Erionaldo da Silva. „Wir werden den Kampf für Gerechtigkeit fortsetzen.“

          „Tiefes Bedauern“ über den „tragischen Tod“

          Scotland-Yard-Chef Ian Blair erklärte nach der Urteilsverkündigung sein „tiefes Bedauern“ über den „tragischen Tod“ von Menezes. Scotland Yard werde seine Praktik bei der Verfolgung von Terrorverdächtigen überprüfen, um Gefährdungen von Unschuldigen so weitgehend wie möglich auszuschließen.

          Politiker der Opposition forderten nach dem Schuldspruch Blairs Rücktritt. Der Polizeichef lehnte dies ab. Bereits im August war in einem unabhängigen Untersuchungsbericht kritisiert worden, der 27 Jahre alte Brasilianer habe keinerlei Chance gehabt, seine Unschuld zu zeigen, als er bei der Polizeiaktion am 22. Juli 2005 in der U-Bahnstation Stockwell mit sieben Kopfschüssen getötet wurde.

          Staatsanwälte hatten im jetzigen Verfahren geltend gemacht, dass die Planung und Ausführung der Anti-Terroraktion durch zahlreiche einzelne Fehler beeinträchtigt war. Die Terrorbekämpfer hatten de Menezes damals mit dem Attentäter Hussein Osman verwechselt. Dieser war später mit drei anderen Terroristen wegen versuchter Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn am 21. Juli 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie hatten die Anschläge vom 7. Juli nachahmen wollen, bei denen vier Selbstmordattentäter in London mit Rucksackbomben 52 Menschen getötet hatten.

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