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Ermordung von Malcolm X : Urteile gegen zwei vermeintliche Attentäter werden aufgehoben

  • -Aktualisiert am

Malcolm-X-Statue in Harlem, New York, am 21. Februar 2015 Bild: dpa

Nach einer zweijährigen Untersuchung der New Yorker Staatsanwaltschaft werden die Urteile gegen zwei vermeintliche Attentäter von Malcolm X aufgehoben. Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan bat um Verzeihung.

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          Muhammad Aziz und Khalil Islam haben mehr als zwanzig Jahre im Gefängnis gesessen. Sie waren verurteilt worden, 1965 den schwarzen Aktivisten Malcolm X ermordet zu haben. Zweifel an ihrer Schuld gab es von Beginn an, ebenso wie Hinweise darauf, dass Polizei und Justiz die Ermittlungen manipuliert hatten. An diesem Donnerstag sollen die Urteile nach einer fast zwei Jahre andauernden Untersuchung durch die Manhattaner Staatsanwaltschaft aufgehoben werden. Aziz, der 1985 aus der Haft entlassen wurde, ist heute 83 Jahre alt. Islam kam 1987 frei – und starb 2009 im Alter von 74 Jahren. Cyrus Vance, der scheidende Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, entschuldigte sich im Namen seiner Behörde: Diese habe die Familien der beiden Männer im Stich gelassen.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Staatsanwaltschaft sowie das FBI und die New Yorker Polizei hatten Beweismittel, welche Aziz und Islam entlastet hätten, zurückgehalten. FBI-Akten, die seinerzeit nicht vorgelegt wurden, enthielten etwa Hinweise auf andere Tatverdächtige und auch eine Zeugenaussage, welche Aziz‘ Alibi stützte. Auch wurde seinerzeit verschwiegen, dass V-Leute am Tatort waren.

          Keine Ergebnisse über andere Täter

          Die Untersuchung, ausgelöst durch eine neue Biographie und eine Fernsehdokumentation, kommt nicht zu dem Ergebnis, dass es – in der Polizei oder gar der Regierung – eine Verschwörung gegen den umstrittenen Aktivisten gegeben habe. Auch liefert die Untersuchung keine Ergebnisse über andere Täter. Eines der Urteile aus dem Jahr 1966 hat Bestand: Mujahid Abdul Halim — ursprünglich: Thomas Hagan – saß 45 Jahre lang im Gefängnis. Er hatte sich in dem Prozess – anders als die Mitangeklagten – schuldig bekannt. 2010 war er freigekommen. Halim hatte stets behauptet, dass Aziz und Islam nichts mit der Tat zu tun gehabt hätten. In seinem Brooklyner Zuhause kommentierte er die Entscheidung mit den Worten: „Möge Gott uns segnen: Sie sind entlastet.“

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          Malcolm X – eigentlich Malcom Little — war der Sohn eines Laienpredigers aus Nebraska. Während einer Haftzeit – wegen Einbrüchen als Mitglied einer kriminellen Bande – kam er in Kontakt zur „Nation of Islam“, einer nationalistischen und rassistischen muslimischen Gruppierung schwarzer Amerikaner. Er wurde zur charismatischen Führungsfigur der Bewegung um Elijah Muhammad und prominenter Gegenspieler des Bürgerrechtlers Martin Luther King, der christliche Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit predigte. Später kam es zum Bruch zwischen Malcolm X und Elijah Muhammads, dem er unter anderem vorwarf, außereheliche Affären mit Minderjährigen zu haben.

          Malcolm X stand unter Personenschutz

          Malcolm X trat 1964 aus der „Nation of Islam“ aus und gründete seine eigene Gruppierung, die Organisation Afro-Amerikanischer Einheit. Er bereiste den Nahen Osten und Afrika und knüpfte Kontakte zur antikolonialistischen Bewegung. Wegen seines Konflikts mit der „Nation of Islam“ wurde er bedroht und stand unter Personenschutz. Malcolm X äußerte kurz vor seinem Tod, er glaube, dass seine frühere Organisation ihn töten wolle.

          Im Februar 1965 sollte er im Audubon Ballsaal im Manhattaner Stadtteil Washington Heights eine Rede halten. Kurz nachdem er das Wort ergriffen hatte, kam es im Publikum zu einem Streit. In dem folgenden Chaos näherte sich zunächst ein Mann der Bühne und schoss mit einem Gewehr auf Malcolm X; es folgten zwei weitere Schützen, die halbautomatische Pistolen abfeuerten. Der Obduktionsbericht hielt später fest, dass Malcolm X von 21 Kugeln getroffen worden war. Der Schütze Halim wurde von Zuhörern im Publikum überwältigt und der Polizei übergeben. Die anderen beiden Schützen konnten im allgemeinen Chaos untertauchen.

          Aziz wurde fünf Tage später verhaftet, Islam zehn Tage nach dem Attentat. Im Gerichtsprozess behauptete die Staatsanwaltschaft, Islam, der früher der Fahrer von Malcolm X gewesen war, habe in dem Ballsaal das Feuer eröffnet und den tödlichen Schuss abgegeben. Die anderen hätten dann mit den Pistolen geschossen. Zehn Augenzeugen identifizierten Aziz und Islam als Schützen. Beide Männer hatten allerdings Alibis, die von ihren Frauen und Freunden bestätigt wurden. Halim, der geäußert hatte, der Mord sei wegen der Kritik an Elijah Muhammad erfolgt, sagte nicht nur aus, dass die beiden Mitangeklagten unschuldig seien. Er belastete auch ein Mitglied der „Nation of Islam“ mit dem Namen William Bradley. Dessen Anwalt bestritt, dass er das Attentat begangen hatte. Bradley starb vor drei Jahren.

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