https://www.faz.net/-gpf-a4nzw

Ermordeter Lehrer Samuel Paty : Abschied von einem „Helden der Republik“

Doch wie die vielen Anschläge und das Fortschreiten des Islamismus in den Banlieues zeigen, ist ihre Wirkung offenbar nicht sehr groß. Macron versprach am Dienstag, dass sich „die Aktionen gegen den radikalen Islam nun intensivieren werden“. Das propalästinensische Kollektiv „Cheikh Yassine“ werde unverzüglich aufgelöst, denn es sei an dem Mordanschlag auf den Lehrer „direkt beteiligt“, sagte Macron, ohne konkreter zu werden.

Terrorist bezahlte Schüler für Identifizierung Patys

Ins gleiche Horn stieß der Innenminister Gérald Darmanin. Er schloss die Moschee des Pariser Vorortes Pantin für sechs Monate. Viele Gläubige in dem Ort verstehen die Entscheidung nicht. Der Imam der Moschee hatte das Video eines muslimischen Vaters eines Schülers der vom Anschlag getroffenen Schule weiterverbreitet. Der Familienvater hatte sich Anfang Oktober darüber erzürnt, dass der Lehrer Mohammed-Karikaturen im Unterricht zeigte und einen Teil der Schüler zum Verlassen des Klassenraumes aufrief. Er nannte den Pädagogen in dem Video „krank“ und „kriminell“; er rief nicht zu Gewalt auf, forderte aber dessen Entlassung.

Unterstützer sollten sich auf seiner Handynummer, die er hinterließ, melden. Wie die Ermittler herausfanden, trat auch der Attentäter Abdullah Anzorov mit dem Familienvater in Kontakt. Über den Inhalt ihres Austausches ist bisher nichts bekannt. Dafür berichtete die Staatsanwaltschaft am Mittwoch, wie der Terrorist den Lehrer Samuel Paty ausfindig machen konnte. Vor dem Schulgebäude trat Anzorov in Kontakt mit einigen jugendlichen Schülern. Er bot ihnen mehrere hundert Euro an, wenn sie für ihn den Lehrer identifizierten.

Der Terrorist erzählte den Schülern dabei offenbar, dass er Paty schlagen, demütigen und zu einer Entschuldigung zwingen und all das auch noch filmen wolle. Offenbar waren einige Schüler einverstanden und machten den Lehrer für ihn ausfindig. Als Paty das Schulgebäude verließ, folgte ihm Anzorov und schritt kurz darauf zur Tat. Sieben Personen wurden am Mittwoch wegen „Mittäterschaft an einem terroristischen Unternehmen“ angeklagt, unter ihnen zwei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren sowie der Familienvater und ein radikaler Prediger, der mit ihm zusammenarbeitete. Die Ermittlungen führt nun ein Untersuchungsrichter.

Aufgrund der Vielzahl terroristischer Anschläge ist die Stimmung in Frankreich zunehmend gereizt. Der Innenminister nahm am Mittwoch sogar die Lebensmittelregale für Halal-Fleisch in den Supermärkten ins Visier. Er sei „jedes Mal geschockt“, wenn er diese sehe, „so fängt der Kommunitarismus an“, sagte Darmanin. Unter Kommunitarismus wird in Frankreich jede Bewegung verstanden, die einer bestimmten Gemeinschaft eine Sonderrolle geben will. Er gilt als Widerspruch zum Leitbild der einheitlichen Republik. Auch der „Kapitalismus“ müsse patriotisch sein, forderte Darmanin. Später deklarierte er seine Worte als persönliche Meinung und meinte, dass er nicht gegen Halal-Fleisch an sich sei, doch gegen dessen Präsentation in eigenen Regalen.

Premierminister Jean Castex will unterdessen eine Beobachtungsstelle der Laizität neu besetzen. Der bisherige Leiter, der ehemalige sozialistische Sozialminister Jean-Louis Bianco, geht ihm nicht entschieden genug gegen islamistische Tendenzen vor. Mehrere Abgeordnete der Regierungspartei LREM warnten dagegen vor Kurzschlusshandlungen im derzeit angespannten Klima. „Es geht darum, die Islamisten zu treffen, nicht die Muslime“, sagte der Abgeordnete der Nationalversammlung Sacha Houlié.

Weitere Themen

Frostige Begegnung in Moskau

Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.

Baerbock betont Wert der Beziehungen zu Russland Video-Seite öffnen

Antrittsbesuch in Moskau : Baerbock betont Wert der Beziehungen zu Russland

„Wir haben ein fundamentales Interesse an stabilen Beziehungen“, sagte die Außenministerin bei ihrem Treffen mit Sergei Lawrow. Sie mahnte jedoch auch zur Einhaltung europäischer Werte und verurteilte die Drohgebärden gegen die Ukraine.

Topmeldungen

Olaf Scholz und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg

Nord Stream 2 : Scholz korrigiert sich

Der Kanzler nimmt die Leitung nicht mehr von möglichen Sanktionen gegen Russland aus. Das ist richtig, der Preis für eine Invasion in der Ukraine muss hoch sein.
Der britische Premierminister Boris Johnson und sein früherer Chefberater Dominic Cummings (rechts) verlassen Downing Street im September 2019

Party in Downing Street : Wurde Johnson gewarnt?

Boris Johnsons früherer Berater Dominic Cummings belastet den britischen Premierminister. Es werde noch weitere belastende Fotos geben, kündigt er an. Der Privatkrieg zwischen den beiden geht weiter.