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Ermordeter Boris Nemzow : Mord an einem Aufrechten

Trauer und Wut am Tag danach: Russische Bürger legen Blumen nieder auf der großen Moskwa-Brücke - dort wurde Boris Nemzow erschossen Bild: AP

Wenige Stunden, bevor er erschossen wurde, kritisierte Oppositionspolitiker Nemzow in den Einsatz russischer Truppen in der Ostukraine. Unmissverständlich geißelte er die Kaperung von Macht und Geld durch eine Elite um Präsident Wladimir Putin.

          Welche Bedeutung Boris Nemzow, der am Freitagabend im Herzen Moskaus erschossene Oppositionspolitiker, für Russland hatte, zeigt das Interview, das er noch am selben Abend, knapp drei Stunden vor den tödlichen Schüssen, dem Radiosender Echo Moskwy gab. Eine Dreiviertelstunde legte Nemzow darin seine Vorschläge dar, „um Russland zu verändern“. Anlass war der „Antikrisenmarsch“, zu dem der 55 Jahre alte Mann aus Sotschi zusammen mit oppositionellen Weggefährten für Sonntag aufgerufen hatte.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          „Dieser Marsch fordert den sofortigen Stopp des Krieges mit der Ukraine, er fordert, dass Putin seine Aggression einstellt“, sagte Nemzow. Den unerklärten Krieg gegen das Nachbarland machte er auch für die schwere Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich. „Die Sanktionen, dann die Kapitalflucht: all dass wegen Putins unsinniger Aggression gegen die Ukraine.“ 

          Nemzow sprach – entgegen der Kremllinie – klar und deutlich aus, was viele Russen immer noch nicht wahrhaben wollen oder aus Angst verschweigen: Moskau unterstütze die Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen. Auf den Einwand einer Journalistin, eine Mehrheit der Bewohner der Krim habe gewollt, dass die Halbinsel Teil Russlands werde, sagte Nemzow: „Die Bevölkerung wollte in Russland leben, zugegeben. Aber die Frage ist eine andere: Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nach dem Gesetz. Und man muss die internationale Gemeinschaft respektieren.“ 

          Nemzow sprach kurz vor seinem Tod auch das Thema an, das ihn all die Jahre in der Opposition umgetrieben hat: Die Kaperung von Macht und Geld durch eine Elite um Präsident Wladimir Putin. Dessen Leben als „Galeerensklave“ (so Putin über sich selbst im Jahr 2008) listete der Nemzow, der einst Physik studiert hatte und 1985 in Naturwissenschaften promoviert wurde, vor drei Jahren in einem seiner Berichte über das neue Russland auf: „Paläste, Yachten, Automobile, Flugzeuge und andere Accessoires“. Auch Fotos lieferte Nemzow. Allein die Uhrensammlung Putins schätzte er auf 550.000 Euro. Dafür hätte der Präsident eigentlich sechs Jahre arbeiten müssen.

          Nemzow arbeitete wie ein Ermittler, wo die anderen, die staatlichen Ermittler wegschauen. Auch zu den Olympischen Spielen in seiner Geburtsstadt Sotschi legte er einen Bericht vor. Schon 2013 bezifferte er deren Kosten auf umgerechnet mehr als 50 Milliarden Dollar. Dass es so viel wurde, lag laut Nemzow vor allem daran, dass der enge Kreis von Putins Freunden bei den Bauvorhaben abgeschöpft hatte, wo es nur ging. 

          Der Kampf gegen Korruption begleitete Nemzow bis zuletzt. In seinem Interview am Freitagabend forderte er, korrupte Politiker vor Gericht zu stellen, das Militärbudget zu halbieren, das Bildungsbudget zu erhöhen. Schon in seinem Bericht zum „Galeerensklaven“ von 2012 hatte er dafür plädiert, Mittel aus dem Staatsbudget, das seinerzeit von höheren Ölpreisen profitierte, statt in präsidiale Pracht lieber in Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen zu stecken. „All das wird möglich sein, wenn im Land die Demokratie wieder hergestellt ist und das Prinzip des Machtwechsels realisiert ist“, schrieb er im Schlusswort.  Die Leute, die am Samstagmorgen am Tatort auf einer Brücke in Sicht-, ja Rufweite des Kreml keine zehn Stunden nach den Schüssen auf Nemzow Blumen zu seinen Ehren niederlegten, nannten  eine Charaktereigenschaft zuerst: „Mutig“ sei er gewesen.

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