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Ermittlungsbericht erwartet : Wer hat MH17 abgeschossen?

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Offene Fragen und Verschwörungstheorien: Wrackteile der Boeing 777 des Fluges MH-17 nach dem Absturz nahe Grabovo in der Region Donezk am 17. Juli Bild: Reuters

Acht Wochen nach dem Absturz des Passagierflugzeugs über die Ostukraine wollen die niederländischen Ermittler erste Antworten vorlegen. Und wenn die Waffenruhe halten sollte, könnten endlich Ermittler vor Ort arbeiten.

          Wenn der niederländische Sicherheitsrat am Dienstagmorgen den ersten vorläufigen Untersuchungsbericht zum Absturz des malaysischen Passagierflugzeuges über der Ostukraine vorstellt, wird die Katastrophe acht Wochen zurückliegen. Die vergleichsweise lange Wartezeit hat Raum für wilde Spekulationen gelassen. Nicht nur russische Kommentatoren mutmaßten, das Nato-Mitglied Niederlande ziehe die Ermittlungen aus politischen Gründen absichtlich in die Länge.

          Die Ermittlungsbedingungen sind allerdings viel schwieriger als üblich: Bergungsarbeiten vor Ort waren von Anfang an erschwert worden, seit dem 7. August ruhen sie vollständig. Um die Absturzstelle herum lieferten sich – zumindest bis zur Waffenruhe vom Freitag - Separatisten und ukrainische Sicherheitskräfte Gefechte.

          Nun haben die Ermittler in Den Haag trotzdem erste Erkenntnisse über den Ablauf der Ereignisse in Aussicht gestellt, die Erwartungen an den Zwischenbericht aber sofort wieder gedämpft. Es seien noch nicht alle Quellen und Informationen ausgewertet, heißt es. Ein abschließendes Ergebnis soll es binnen Jahresfrist geben.

          Die Boeing der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH17 war am 17. Juli auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über dem ostukrainischen Kampfgebiet abgestürzt. Alle 298 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben, unter ihnen 195 Niederländer, 43 Malaysier und 27 Australier.

          Vieles deutet darauf hin, dass das Flugzeug mit einer Rakete in 10.000 Metern Flughöhe abgeschossen wurde. Die Frage ist, wer das Raketensystem bediente. Prorussische Separatisten brüsteten sich unmittelbar nach dem Abschuss in sozialen Netzwerken mit dem Erfolg. Allerdings schienen sie zu glauben, ein ukrainisches Militärflugzeug getroffen zu haben. So entstand die verbreitete Theorie vom „versehentlichen Abschuss“ durch separatistische Kämpfer, die das Raketensystem von Russland geschenkt bekommen haben sollen.

          Gegenüber Journalisten der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagten Vertreter der Separatisten vor Ort, man habe sie zur Absturzstelle geschickt „um Piloten festzunehmen“. Dies würde die Vermutung bestätigen, dass die prorussischen Kämpfer davon ausgingen, ein Militärflugzeug abgeschossen zu haben, dessen Piloten sich möglicherweise mit Fallschirmen hätten retten können. Allerdings wiesen die Separatisten offiziell stets jede Verantwortung für die Katastrophe zurück und beteuerten, gar nicht über die entsprechenden Waffensysteme zu verfügen.

          In Russland kursieren andere Theorien

          Von russischen Medien wurden schnell zwei andere Theorien verbreitet. Ein ukrainisches Kampfflugzeug, das sich zum Zeitpunkt des Absturzes in unmittelbarer Nähe befunden haben soll, soll die Boeing abgeschossen haben. Die zweite Theorie behauptet, die ukrainischen Streitkräfte hätten die Passagiermaschine mit einer Bodenrakete abgeschossen.

          Russische Medien wie die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti berufen sich für diese letzte Variante unter anderem auf den amerikanischen Journalisten Robert Parry. Er will aus amerikanischen Geheimdienstkreisen erfahren haben, dass CIA-Ermittler auf Satellitenbildern Männer in ukrainischen Uniformen erkannt haben, die das Raketensystem bedienten. Beim CIA erkläre man sich dies damit, dass ukrainische „Überläufer“ sich den Separatisten angeschlossen haben müssen. Parry, ein ehemaliger Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AP, betreibt seit 1995 ein nach eigenen Angaben unabhängiges Internetmedium namens consortiumnews.com. Seit Beginn der Ukraine-Krise wirft er den amerikanischen Medien einseitige proukrainische Berichterstattung und der Regierung eine gegen Russland gerichtete Kriegshysterie vor.

          Internationale Fachleute untersuchen Anfang August Trümmerteile des Wracks von MH-17 nahe Grabovo

          Die Niederlande hatten die Leitung der Ermittlungen im Falle MH17 am 23. Juli auf Bitten der ukrainischen Regierung übernommen. In unterschiedlichem Umfang sind an der Untersuchung auch die Ukraine, Malaysia, Australien, Russland, Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich, Italien und Indonesien beteiligt.

          Auch die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) unterstützen nach Informationen des Niederländischen Sicherheitsrates die Ermittlungen. Der Flugschreiber (die Blackbox) war zu einer ersten Analyse zu Experten nach Großbritannien gebracht worden. Separatisten hatten sie zunächst an das Zwischenstaatliche Luftfahrtkomitee der GUS-Staaten mit Sitz in Moskau übergeben wollen. Dieses hatte jedoch sogleich darauf verwiesen, dass im gegebenen Falle internationale Organe die Untersuchung übernehmen sollten.

          Moskau: Informationen werden bewusst zurückgehalten

          Die russische Regierung zeigt sich mit dem Fortgang der Ermittlungen allerdings ausgesprochen unzufrieden. Moskau beschuldigt die Ukraine, die Vereinigten Staaten, die Europäische Union, die Nato und auch die niederländischen Ermittler, Informationen bewusst zurückzuhalten und die wahren Hintergründe der Katastrophe zu verschleiern. Außenminister Sergej Lawrow sagte kürzlich, nur Russland allein sei offenbar noch an einer Aufklärung interessiert. Bei einem Auftritt vor Studenten der Moskauer staatlichen Hochschule für internationale Beziehungen Anfang September fragte Lawrow, warum die Ermittler die Daten des Flugschreibers, die Sprachaufzeichnungen aus dem Cockpit und die Kommunikation der Piloten mit den Fluglotsen am nahegelegenen Flughafen Dnipropetrowsk nicht längst vollständig öffentlich gemacht hätten.

          Die Antwort auf diese Frage kann man seit dem 21. August auf der Internetseite des Niederländischen Sicherheitsrates nachlesen. Die Daten des Flugschreibers und die Sprachaufzeichnungen seien nach den Regeln des Sicherheitsrates und der ICAO geschützt, heißt es dort. Nur solche Informationen, die für die Ermittlung der Absturzursache relevant seien, würden im Abschlussbericht veröffentlicht.

          Lawrow beschuldigte die Niederländer auch, die Ermittlungen vor Ort nicht ernsthaft genug betrieben zu haben und fragte, warum sie das Gebiet überhaupt verlassen hätten. Der Niederländische Sicherheitsrat räumte ein, bisher keine eigenen Ermittlungen am Ort des Absturzes  durchgeführt zu haben. Dies sei nicht möglich gewesen, weil die Sicherheit der Ermittler nicht garantiert werden könne. Es habe überhaupt nur sehr wenige Gelegenheiten für Zugang zum Absturzort gegeben. Dabei sei die absolute Priorität auf die Bergung der Opfer gelegt worden.

          Ermittler sollen abermals an Absturzstelle untersuchen

          Noch immer werden Teile der Opfer auf dem weitläufigen Gelände vermutet, auf dem sich nach der Explosion der Boeing die Trümmer verteilten. Australien und Malaysia wollen nach den Nachrichten über eine Waffenruhe nun abermals Ermittler an die Absturzstelle schicken, die nach Leichen suchen sollen. Dies vereinbarten der australische Ministerpräsident Tony Abbott und sein malaysischer Amtskollege Najib Razak an diesem Samstag.

          Auch der niederländische Sicherheitsrat hatte angekündigt, vor Ort nach weiteren Spuren und Hinweisen suchen zu wollen, sobald dies möglich sei. Eine Untersuchung an Ort und Stelle sei vorzuziehen, heißt es. Es sei aber „nicht unmöglich“, eine effektive Untersuchung auf der Basis anderer Quellen durchzuführen. Als Quellen nannten die Niederländer neben den Daten der  Blackbox auch Radar-  und Satellitenaufnahmen sowie andere Bilder. Auf die Anfrage einer niederländischen Abgeordneten antwortete das Kabinett in den Haag im August schriftlich, es gebe keine maßgeblichen Probleme bei der Beschaffung von Informationen im Falle MH17. Die Ukraine und auch Russland beteiligten sich an der Untersuchung.

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