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Erinnerung an NS-Zeit : Die Greuel in der weißrussischen Erde

Ort der Erinnerung: Stelen für die Opfer der Nationalsozialisten, die 2015 in der Nähe von Minsk errichtet wurden. Bild: Sofia Dreisbach

Im Lager Malyj Trostenez in der Nähe von Minsk ermordeten die Nazis Zehntausende, doch kaum jemand kennt diesen Ort. Das Land tut sich schwer mit der Erinnerung. Ein Ortsbesuch.

          7 Min.

          Das Geräusch von Blagowschtschina ist das Donnern der Lastwagen. Viel zu schnell fahren sie über die schmalen Wege zwischen den Fichten und Birken zur städtischen Mülldeponie. Bis vor einem Jahr waren die Müllmänner in den orangefarbenen Muldenkippern die einzigen Herren des Waldes. Doch dann, als der ganze Wald grün war, kamen zuerst ein paar Leute in Stadtklamotten für einen symbolischen Spatenstich und nach ihnen Bauarbeiter, die dem Wald nach 73 Jahren seine Bedeutung zurückgeben sollten. Für die Geschichte und für die Erinnerung. Knapp elf Monate später ist aus dem Waldstück mit Müllkippe ein Waldstück mit Gedenkstätte und Müllkippe geworden. Tonnen von Abfall liegen nicht weit von der Asche und den Gebeinen Zehntausender, die hier von den Nationalsozialisten in den Jahren 1942 bis 1943 ermordet wurden. Auf einer Lichtung des Waldes symbolisieren jetzt 34 mit Kies gefüllte Gruben die Massengräber, in denen die Nazis die Ermordeten verscharrt hatten. Der Weg dorthin führt zwischen Betonwänden hindurch, die als stilisierte Waggons symbolisch für die Deportationen nach Blagowschtschina stehen.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          An diesem Ort ermordeten die Männer der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Minsk Zehntausende Juden, vermeintliche oder tatsächliche Partisanen und Kriegsgefangene mit einem Schuss oder in improvisierten Gaswagen. Wie viele es insgesamt gewesen sind, weiß bis heute niemand genau. Das Lager Malyj Trostenez könnte, was die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen angeht, in einer Reihe mit Dachau und Bergen-Belsen stehen. Einige Historiker nennen es die größte Vernichtungsstätte auf dem Boden der Sowjetunion. Das Lager bestand aus zwei Teilen, dem Zwangsarbeitslager Malyj Trostenez, errichtet 1942 und aufgelöst 1944, und der Vernichtungsstätte im Wald von Blagowschtschina, die vom Frühjahr 1942 bis zum Herbst 1943 benutzt wurde. Insgesamt ermordeten die deutschen Besatzer an diesen beiden Orten zwischen 40.000 und 60.000 Menschen, vor allem dorthin deportierte Juden aus Westeuropa, aber auch Minsker Juden, Partisanen und Kriegsgefangene der Roten Armee.

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