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Erfolgreich aus Corona-Krise : Neuseelands Leben in der „Blase“

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern Bild: AFP

Die Regierung in Wellington meldet einen großen Erfolg: Sie sieht das Coronavirus in den eigenen Grenzen als „gegenwärtig eliminiert“ an. Nun werden die Auflagen leicht gelockert, die Grenze und Schulen bleiben jedoch geschlossen.

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          An den neuseeländischen Autorestaurants einer bekannten Hamburger-Kette stauten sich in der Nacht die Autos. Zum ersten Mal nach fast fünf Wochen durfte in dem Inselstaat ein Teil der Gaststätten wieder öffnen, damit die Menschen sich Essen abholen konnten. Um 23.59 Uhr am Montag endete die Stufe vier des neuseeländischen „Lockdown“ zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Sie wurde auf Stufe drei herabgesetzt. Damit dürfen neben notwendigen Diensten auch einige Geschäfte, Restaurants mit Essen zum Mitnehmen und Schulen wieder öffnen. „Wir wollten etwas zu Futtern, deshalb haben wir die Blase platzen lassen und sind Essen gegangen”, sagte salopp ein Kunde mit dem Namen Tai Perez dem „New Zealand Herald” am Dienstagmorgen. Er hatte sich mit zwei Freunden schon um vier Uhr morgens an einem Fast-Food-Imbiss angestellt.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das Wort „Blase“ („Bubble“) hört man in Neuseeland derzeit häufiger. Es wird benutzt, um den kleinen Kreis von Sozialkontakten zu beschreiben, der unter der neuen Stufe in Neuseeland nun leicht erweitert werden darf. Demnach können Menschen in einem Haushalt von jetzt an Kontakte zu zusätzlichen Familienmitglieder, Pflegekräften und Alleinlebenden haben, so lange diese sehr begrenzt bleiben und sie sich nicht mit anderen „Blasen“ überschneiden. Doch diese Erweiterung sollte nicht mehr als ein bis zwei Personen einschließen.

          Premierministerin Jacinda Ardern teilte in einem Interview mit, sie werde vor allem ihre „Arbeitsblase“ erweitern, nicht ihre private, und mehr direkten Kontakt zu einigen Mitarbeitern und Ministern halten. So werde es wohl für die meisten Neuseeländer sein.

          Zahl der Neuinfektionen im einstelligen Bereich

          Für rund 400.000 Neuseeländer bedeutet die Herabstufung aber auch, dass sie am Dienstag zurück zur Arbeit gehen konnten. Damit seien etwa eine Million Neuseeländer wieder am Arbeitsplatz, etwa ein Viertel der Wirtschaft laufe weiter, sagte Ardern. Zuvor hatte die Premierministerin verkündet, dass Neuseeland die Schlacht im Kampf gegen das Virus gewonnen habe. Es gebe keine weitverbreitete, unerkannte Übertragung des Virus mehr. Seit Tagen bewegt sich die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen im einstelligen Bereich. Ashley Bloomfield, der Chef der neuseeländischen Gesundheitsbehörde, meldete am Dienstag nur noch zwei Neuinfektionen. Insgesamt seien 1124 Ansteckungen mit Sars-CoV-2 nachgewiesen worden. 82 Prozent der Patienten seien genesen. Die Zahl der Toten liege bei 19.

          Neuseeland profitiert von seiner Insellage und einer mit fünf Millionen Einwohnern überschaubaren Bevölkerung. Das Land hatte schon einige der strengsten Maßnahmen weltweit ergriffen, als die Zahl der Fälle noch sehr niedrig war. Die Regierung der 39 Jahre alten Sozialdemokratin Ardern hatte frühzeitig strenge Einreisebestimmungen und Ausgangssperren verhängt. Davon waren auch viele deutsche Urlauber betroffen, die in Neuseeland gestrandet waren. Mit 10.000 Deutschen und Europäern, die aus Neuseeland ausgeflogen waren, gehörte das Land am anderen Ende der Welt deshalb auch zu den Schwerpunktländern des umfangreichen Rückholprogramms des Auswärtigen Amts.

          Ardern als erfolgreiche Krisenmanagerin

          Nun sieht Neuseeland das Virus nach Angaben der Regierungschefin sogar als „gegenwärtig eliminiert“ an. Wie schon nach den Terroranschlägen in Christchurch vor mehr als einem Jahr hat sich Jacinda Ardern als fähige Krisenmanagerin erwiesen, die rasche Entscheidungen trifft und sie dem Volk nahebringt. Dafür wird sie nun auch in der globalen Presse als Vorbild angeführt. Die Regierungschefin warnte auf einer Pressekonferenz am Dienstag aber auch, dass es ein „andauernder Kampf“ sei, der in die nächste Phase eingetreten sei.

          Sie verwies auf das Beispiel Singapurs, das viele Neuseeländer verfolgt hätten. Der südostasiatische Stadtstaat war anfänglich sehr erfolgreich bei der Bekämpfung der Epidemie. Doch dann waren die Infektionszahlen unter den dortigen Gastarbeitern explodiert. „Die Leute machen sich sorgen, dass wir eine neue Welle bekommen, wenn wir nachlassen“, sagte Ardern in einem Interview mit der Website stuff.co.nz.

          Mit „Eliminierung“ ist laut Regierungschefin denn auch keine komplette Vernichtung des Virus gemeint. „In einer Eliminierungs-Strategie geht es nicht darum, immer die Zahl der Fälle auf null zu halten. Natürlich versucht man das immer zu erreichen. Aber Fälle werden weiter auftauchen. Wir müssen uns darauf stürzen und sehr aggressiv reagieren, wenn sie auftauchen“, sagte Ardern in dem Interview. Dabei wies sie aber auch darauf hin, dass mit einer Erkrankung keineswegs eine Stigmatisierung der Patienten einhergehen dürfe. In der Pressekonferenz verglich Ardern die Situation mit einem Brand, nach dem es an einigen Orten noch glühende Asche gebe, die jederzeit einen Flächenbrand auslösen könne.

          Die Premierministerin würdigte aber auch das „unglaubliche Verantwortungsbewusstsein“, mit dem die Neuseeländer den Regeln gefolgt seien. Jedoch wachse mit den Lockerungen die Gefahr, dass die Menschen die Distanzregeln nicht mehr so ernst nähmen. Die Menschen spürten ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Aber sie habe Vertrauen, dass sich die Neuseeländer weiter richtig verhalten würden, sagte Ardern.

          Die dritte Stufe im „Lockdown“ soll nun vorerst für zwei Wochen gelten. Großveranstaltungen bleiben verboten, Einkaufszentren geschlossen, und die meisten Kinder werden noch nicht wieder zur Schule gehen. Auch die Außengrenze bleibt geschlossen. Wie neuseeländische Journalisten berichteten, waren die Straßen am Dienstag aber schon deutlich stärker befahren als in den Wochen zuvor.

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