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Militärischer Erfolg für Kiew : Ukraine treibt Russland zum Rückzug von der Schlangeninsel

Schwarzer Rauch steigt Anfang Mai von der Schlangeninsel auf, nachdem ein ukrainischer Angriff dort russische Stellungen getroffen hat. Bild: dpa

Nach zuletzt mehreren Rückschlägen an der Front im Donbass kann die Ukraine heute wieder einen militärischen Erfolg melden. Russland macht derweil widersprüchliche Angaben zum Angriff auf ein Einkaufszentrum.

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          Russland kontrolliert nicht länger die strategisch wichtige Schlangeninsel im Schwarzen Meer. Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte den Rückzug von der Insel, die von den russischen Truppen bereits am ersten Tag des Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar besetzt worden war. Es stellte den Abzug der russischen Truppen indes als „Zeichen des guten Willens“ dar. Damit werde der Weltgemeinschaft demonstriert, dass Russland die Bemühungen der Vereinten Nationen nicht behindere, einen humanitären Korridor zum Export landwirtschaftlicher Produkte aus der Ukraine zu organisieren. Die Ukraine könne es nun nicht mehr mit der Anwesenheit russischer Truppen begründen, dass sie kein Getreide über das Schwarze Meer exportiere, heißt es in der Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.
          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Nach Darstellung des ukrainischen Militärs wurde der Abzug der russischen Truppen von der Insel indes mit zahlreichen massiven Artillerieschlägen in den vergangenen zehn Tagen erzwungen, bei denen mehrere Flugabwehrraketensysteme des Typs „Panzir“ zerstört worden seien. Am 17. Juni hatten die ukrainischen Streitkräfte ein Versorgungsschiff der russischen Marine auf dem Weg zur Schlangeninsel versenkt, das offenbar ein Raketensystem dorthin bringen sollte.

          Die nur 0,2 Quadratkilometer große Insel liegt dem Donaudelta vorgelagert direkt an der Grenze zwischen den Gewässern der Ukraine und Rumäniens. Die Kontrolle über sie erlaubt nach Ansicht von Militärfachleuten eine weitgehende Kontrolle über den nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres und den Luftraum im Süden der Ukraine. Das ukrainische Militär kündigte an, bald wieder eigene Soldaten auf die Insel zu schicken.

          Unterdessen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den jüngsten Gefangenenaustausch mit Russland begrüßt, bei dem jeweils 144 Soldaten und andere Gefangene am Mittwochabend in ihre Heimat zurückkehrten. Selenskyi sprach von einer „optimistischen und sehr wichtigen Nachricht“. Durch den am Mittwochabend vollzogenen Austausch kamen demnach 59 Angehörige der Nationalgarde frei, darunter Kämpfer des früheren nationalistischen Regiments „Asow“. Auch 30 Marineinfanteristen, dazu weitere Soldaten, Grenzschützer, Angehörige der Territorialverteidigung und ein Polizist kamen frei. Sie sind im Alter von 19 bis 65 Jahren, auch eine Frau soll darunter sein. Es war der größte Gefangenenaustausch seit dem Angriff Ende Februar.

          Mehr als 6000 Gefangene in russischer Hand

          Zu den Freigetauschten gehören auch 95 Verteidiger des Stahlwerks „Azovstal“, des letzten Widerstandsnests der Ukrainer in der Hafenstadt Mariupol, ehe dieses Mitte Mai nach mehr als zwei Monaten Beschuss von den Russen eingenommen wurde. „Wir werden alles tun, um jeden Ukrainer und jede Ukrainerin nach Hause zu holen“, sagte Selenskyj. Er dankte allen Mitwirkenden, insbesondere dem militärischen Geheimdienst der Ukraine, der seit Ende Mai auf der Seite Kiews für Austauschaktionen dieser Art zuständig ist.

          Der Geheimdienst sowie Vertreter des Familienverbands der Verteidiger von „Azovstal“ verbreiteten über Facebook Bilder und Videos vom Austausch. Sie zeigten Soldaten mit Krücken und Armbinden vor Krankenwagen und Bussen auf einem Parkplatz in ländlicher Umgebung. Die meisten Freigelassenen sollen verletzt sein, manchen sollen Gliedmaßen amputiert worden sein. Artur Lypka, einer der freigetauschten Ukrainer, sagte in die Kamera, er sei immer noch „von Emotionen überwältigt“. Während der langen Fahrt von Osten her zum Austauschort haben die Gefangenen die ganze Zeit gebangt, dass der Austausch im letzten Augenblick scheitern werde.

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