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Eremit auf italienischer Insel : „Nur wenige werden aus der Krise die richtigen Schlüsse ziehen“

  • -Aktualisiert am

Mauro Morandi, 81, lebt seit 1989 allein auf Budelli. Bild: Simon Riesche

Soziale Isolation? Für Mauro Morandi ist das eine alltägliche Erfahrung. Seit mehr als dreißig Jahren wohnt er allein auf einer kleinen Insel zwischen Sardinien und Korsika. Ein Anruf in Corona-Zeiten.

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          Herr Morandi, wie geht es Ihnen? Verfolgen Sie die Entwicklungen rund um den Coronavirus-Ausbruch in Italien und der Welt?

          Mir geht es gut und ja, ich verfolge das alles. Ich habe schließlich hier draußen auch Handynetz und Internetempfang. Wenn man online ist, ist man quasi gezwungen, alles zu verfolgen. Meine Timeline bei Facebook ist voll von diesem Virus, es wird nur darüber diskutiert. Ich lebe zwar alleine auf einer Insel, aber ich habe mich immer dafür interessiert, was in der Welt passiert. Wenn man sich nicht interessiert, kann man sich auch keine Meinung bilden. Oft bin ich aber auch offline.

          Seit Wochen müssen in Italien alle zu Hause bleiben, um so die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Sie leben schon seit drei Jahrzehnten in selbstgewählter sozialer Isolation auf der ansonsten unbewohnten Insel Budelli. Gerade im Winter, wenn keine Yachten mit Touristen bei Ihnen vorbeikommen, sind Sie hier völlig allein. Welchen Rat können Sie den Menschen geben, die gerade unter den Erfahrungen des Alleinseins leiden?

          Der einzige Ratschlag, den ich geben kann, ist zu erzählen, was ich mache. Ich langweile mich und das genieße ich. Man muss sich langweilen, um seine Kreativität zu entdecken. Nur wenn du dich langweilst und dir das irgendwann auf die Nerven geht, kommt deine Kreativität zum Vorschein. Auch die alten Griechen sagten, dass die Langeweile sehr wichtig ist. Da fängt man an, Dinge zu schaffen. Ich wohne seit 31 Jahren auf Budelli, jeden Winter bin ich quasi in Quarantäne. So lebe ich, und so lebe ich gerne.

          Was schaffen Sie?

          Jeden Morgen stehe ich früh auf und schaue, ob ich den Sonnenaufgang fotografieren kann. Wenn er schön ist, mache ich ein Foto. An meinem Computer bearbeite ich manche Aufnahmen und lege so meine Seelenzustände in die Fotos. Manche Bilder veröffentliche ich im Internet. Ich versuche die Menschen davon zu überzeugen, die Schönheit zu schätzen. Eben hat das russische Fernsehen bei mir angerufen. Die habe ich daran erinnert, dass schon Dostojewski gesagt hat, dass die Schönheit die Welt retten wird. Und ich füge hinzu, dass die Menschheit die Schönheit schützen muss.

          Was machen Sie, wenn Sie keine Fotos machen?

          Wenn morgens alles grau und wolkig ist, wenn das Licht fehlt, dann gehe ich gleich wieder ins Bett und schlafe noch ein bisschen. Dann stehe ich irgendwann auf, gebe der Katze und meinen Hühnern was zu fressen und frühstücke. Danach suche ich etwas Holz und zersäge es für den Ofen. Dann setze ich mich an meinen Tisch, meinen Arbeitsplatz, und mache mir Gedanken. Ich lese auch viel, vor allem Gedichte.

          Sie leben unter sehr einfachen Bedingungen in einer kleinen Steinhütte, die aber immerhin Meerblick hat. Was ist das Schöne am Alleinsein?

          Das Allerschönste ist, wenn du Dich in Harmonie mit der Natur fühlst, die dich umgibt. Wenn diese ganze Krise vorbei ist, sollten die Familien in Italien Ausflüge in die Natur machen. Weit weg von den Städten, weit weg von all den Dingen, die sowieso illusorisch sind. Natürlich sind auch Kunst, Kultur und Theater gut, aber es ist das Wichtigste, dass man die Schönheit der Natur schon in frühester Kindheit wahrnimmt und schätzen lernt.

          Als Sie sich vor mehr als dreißig Jahren für den Job als einsamer Inselwächter auf Budelli beworben haben, hatten Sie, wie Sie selbst sagen, genug von der „Leere und Oberflächlichkeit“ der „Konsumgesellschaft“ um Sie herum. Glauben Sie, dass die aktuelle Krise das Denken und Verhalten der Menschen in irgendeiner Weise grundlegend verändern wird?

          Da habe ich leider absolut keine Hoffnung. Ich weiß ja, wie die meisten Menschen gestrickt sind. Sie vergessen schnell. Nur wenige Menschen werden aus der Erfahrung der aktuellen Krise die richtigen Schlüsse ziehen. Die meisten Menschen werden weiter nach ihren Bequemlichkeiten streben und konsumieren, um glücklich zu sein. In Wirklichkeit finden sie so natürlich kein Glück. Ich setze wenig Hoffnung in die Menschheit, am meisten vielleicht noch in die Jugend.

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          Mit 81 Jahren gehören Sie zwar zur „Risikogruppe“, als jemand, der alleine auf einer Insel lebt, müssen Sie aber nicht fürchten, mit dem Coronavirus angesteckt zu werden. Halten Sie denn die Ausgangssperre, die die italienische Regierung verhängt hat, für richtig?

          Ministerpräsident Conte macht das bisher ganz gut, finde ich. Jetzt ist aber auch Europa gefordert. Die Europäische Union muss Italien finanziell helfen. Ich war immer für ein starkes Europa, die Idee einer großen Familie, in der man sich gegenseitig hilft, auch wenn man selbst draufzahlt. Jetzt bin ich enttäuscht. Wir sehen wieder, dass viele Menschen sehr egoistisch sind. Jeder denkt immer nur an seinen eigenen Garten.

          Mauro Morandi war früher Sportlehrer, jetzt ist er Italiens wohl berühmtester Aussteiger. Seit 1989 lebt der 81 Jahre alte Mann aus Modena auf der kleinen Mittelmeerinsel Budelli. Lange arbeitete er als Inselwächter für den privaten Eigentümer des Eilands. Vor einigen Jahren kaufte der italienische Staat die Insel zurück. Budelli ist nun Teil eines Nationalparks, in dem eigentlich niemand wohnen darf. Mehrmals schon forderte die zuständige Verwaltung Mauro auf, die Insel zu verlassen, duldet den Eremiten aber noch. Vor allem auch, weil sich Mauro persönlich für den Umweltschutz einsetzt.

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