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Russisch-türkische Beziehungen : Autokraten schlagen sich, Autokraten vertragen sich

Zwischen ihnen ist noch jede Menge Platz: Der türkische Präsident Erdogan (l.) und Russlands Präsident Putin, aufgenommen im November 2013. Bild: dpa

Nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs sind die Beziehung zwischen Ankara und Moskau schwer beschädigt. Auch wirtschaftlich steht für beide viel auf dem Spiel. Für die Türkei aber noch mehr als für Russland.

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          Die Türkei braucht Russland, um unabhängiger von Russland zu werden. Mit diesem aus türkischer Sicht ernüchternden Fazit hatten sich schon die Debatten im Oktober zusammenfassen lassen, nachdem Moskau und Ankara zum ersten Mal in syrischen Angelegenheiten karamboliert waren. Anfang Oktober waren russische Kampfflugzeuge in türkischen Luftraum eingedrungen, aber nicht abgeschossen worden. Obwohl in der Türkei bereits die Kampagne für die Parlamentswahl am 1. November lief und der Abschuss eines russischen Jagdbombers der Popularität von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seinem ausführenden Regierungschef Ahmet Davutoglu bei einer Mehrheit der Wähler gewiss nicht abträglich gewesen wäre, bewahrte man in Ankara kühlen Kopf. Man ließ es bei Warnungen an Moskau bewenden. Die waren allerdings durchaus deutlich: Davutoglu sagte, sein Land werde sich derlei nicht noch einmal bieten lassen. Die türkischen Streitkräfte verfügen über klare Anweisungen. „Wer den türkischen Luftraum verletzt, wird die nötigen Folgen zu spüren bekommen.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Erdogan äußerte sich ähnlich und warnte: „Wenn Russland einen Freund wie die Türkei verliert, mit dem es eine enge Zusammenarbeit pflegt, wird es viele Dinge verlieren.“ Das gilt freilich, wie in jeder Partnerschaft, für beide Beteiligten, und nach Lage der Dinge gilt es für die Türkei noch mehr als für Russland.

          Das bekannteste Beispiel für die gegenseitige, aber nicht gleichartige türkisch-russische Abhängigkeit ist die Energiepolitik. Die Türkei deckt mehr als die Hälfte ihres jährlichen Verbrauchs an Gas und etwa ein Drittel ihres Ölbedarfs durch Lieferungen aus Russland. Und sie hatte sich ausgerechnet durch russische Hilfe erhofft, zu einem auch für Russland wichtigen Transitstaat für Energielieferungen aufzusteigen: Das von Putin und Erdogan im Dezember 2014 in Ankara überraschend verkündete Projekt „Turkish Stream“ sollte die Türkei einen großen Schritt weiter bringen auf dem Weg, eine „Energiedrehschreibe“ zwischen Russland, dem Nahen Osten, Zentralasien, dem Kaukasus und Europa zu werden.

          Denn „Turkish Stream“ sieht den Bau einer Gasleitung unterhalb des Schwarzen Meeres von Russland in die Türkei vor – mit dem Plan einer Verlängerung nach Griechenland und von dort über den westlichen Balkan in die zahlungskräftigeren EU-Staaten. Dieses Projekt war und ist mit zahlreichen wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Ungewissheiten behaftet, aber aus Ankaraner Sicht könnte es der Türkei jene zentrale Mittlerrolle bei russischen Gasexporten nach Europa zusichern, die derzeit noch der Ukraine zufällt. Das hätte auch die Verhandlungsmacht der Türkei in den Gesprächen mit ihrem wichtigsten Energielieferanten gesteigert. Russland hätte also dabei geholfen, unabhängiger von Russland zu werden.

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