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Russisch-türkische Beziehungen : Autokraten schlagen sich, Autokraten vertragen sich

In der Syrien-Frage spalten sich die Potentaten

Militärisch gravierender dürfte sein, dass Russland seinen Kampffliegern künftig Geleitschutz geben will. Bisher hatten die Piloten, deren Mut Putin regelmäßig preist, bei ihren Luftschlägen keinerlei Gegenwehr zu fürchten, da ihre Gegner am Boden keine Abwehrwaffen mit entsprechender Reichweite haben. Der Generalstab kündigte nun an, die Bomber würden künftig von Jagdflugzeugen begleitet, die sich gegen feindliche Kampfflugzeuge richten. Zwischen den Zeilen heißt das, dass man so etwa türkische F-16 abwehren könne.

Außerdem sollten Flugabwehrraketen des vor der syrischen Küste kreuzenden Kriegsschiffs „Moskwa“ den Kampfflugzeugen Feuerschutz geben. Schließlich soll ein Flugabwehrsystem des Typs S-400 auf die Luftbasis Latakia verlegt werden. Laut Medienberichten ist ein solches oder vergleichbares System allerdings schon seit einiger Zeit dort. Daraus lässt sich eine Drohung für künftige Zusammenstöße entnehmen, die umso schwerer wiegt, als Putins Sprecher Dmitrij Peskow sagte, die Luftwaffe werde weiter „terroristische Infrastruktur“ vernichten. Aus den Moskauer Einlassungen ließ sich nicht ableiten, dass man dort willens ist, am Kernproblem zu rütteln: dass man nämlich unter „Terroristen“ weiterhin grundsätzlich alle Gruppen versteht, die militärisch gegen Assad sind, ob IS oder turkmenische Brigaden.

Abseits des Streits darüber, wie lang oder kurz die Su-24 am Dienstag wirklich im türkischen Luftraum flog, lag die eigentliche Provokation Russlands nicht in der Luftraumverletzung, sondern darin, dass die Luftwaffe auch nach einer deutlichen Warnung am vergangenen Freitag weiterhin die Schutzbefohlenen Erdogans bombardierte, offenbar mit Opfern unter der Zivilbevölkerung – in unmittelbarer Nähe der türkischen Grenze. Aus Moskau war im Frühjahr 2014 die Parole ausgegeben worden, dass man seine Leute „nicht im Stich“ lassen könne. Das war der Vorwand für die Besetzung der Krim. Von Erdogan erwartete man offenbar, dass er tatenlos zusehen werde, wie man die auch als „syrische Türken“ bekannten Turkmenen dezimiert und in die Flucht über die Grenze treibt. Dass Erdogan einer Warnung militärische Taten folgen lassen würde, ist in Moskau offenkundig nicht erwartet worden.

Wie flexibel Moskau bei der Wahl seiner Handlungsmaximen ist, zeigte sich in der Reaktion auf den Abschuss darin, den nach der Demütigung fälligen Wutausbruch auf die Türkei zu beschränken. Offenkundig besteht kein Interesse daran, wie im Falle der Ukraine die Verantwortlichen in Brüssel oder Washington zu suchen. Putin hatte am Dienstag die Abmachung mit den Vereinigten Staaten zur Vermeidung von Zwischenfällen im Luftraum über Syrien erwähnt, und Peskow fügte am Mittwoch hinzu, Zweifel am „Zusammenwirken“ mit Ankara wirkten sich nicht auf die „anderen Mitglieder“ der Anti-IS-Koalition aus. Und vielleicht finden Erdogan und Putin unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse sogar eine Möglichkeit, das türkisch-russische Verhältnis zu reparieren. Sie haben schließlich schon in der Vergangenheit bewiesen: Autokraten schlagen sich, Autokraten vertragen sich.

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