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Russisch-türkische Beziehungen : Autokraten schlagen sich, Autokraten vertragen sich

Der wird es nach der jüngsten Zuspitzung nicht leicht haben mit Moskau. Russland führt seit eineinhalb Jahren Krieg. Inoffiziell gegen die Ukraine, offiziell in Syrien. Dort geht es gegen „Terroristen“, sprich Gegner des Gewaltherrschers Baschar al Assad. Laut Staatsfernsehen war das bisher stets erfolgreich und ohne jegliche Verluste im Gefecht. Bis Dienstag, als der russische Generalstab unter der Wucht der Bilder des brennenden Kampfflugzeugs Su-24 erstmals Verluste melden musste: Einer der beiden Piloten des von der Türkei abgeschossenen Flugzeugs und ein Marineinfanterist kamen ums Leben. Der Infanterist hatte in einem Militärhubschrauber gesessen, der bei einer Rettungsaktion für die Piloten im Norden Syriens unter Beschuss „bewaffneter Banden“ geraten war und zerstört wurde, so der Generalstab. Das Bild vom sauberen, präzisen Krieg ohne eigene Verluste hat damit einen weiteren Riss bekommen – nach dem IS-Anschlag mit 224 Toten auf ein russisches Passagierflugzeug Ende Oktober.

Will Russland der Türkei wirtschaftlich schaden?

Moskau reagierte mit heroischen Posen: Der tote Pilot erhielt einen Orden, der überlebende wurde gefeiert und gegen Ankara richtete sich Wut. All das folgte selbstverständlich der Linie, die Präsident Wladimir Putin am Dienstag in Sotschi vorgegeben hatte, wo er auf die Türkei als „Komplizen“ der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) schimpfte, die Russland einen „Stoß in den Rücken“ versetzt habe. Wie es sich protokollarisch gerade fügte, saß der Präsident neben Jordaniens König Abdullah II., dessen Land mit der Türkei in Washingtons Anti-IS-Koalition verbunden ist. Putin hatte Ankara mit „ernsten Konsequenzen“ für das „Verbrechen“ gedroht. Am Mittwoch legte er nach: Erdogan islamisiere sein Land.

Echter Volkszorn? Russische Demonstranten am Mittwoch vor der türkischen Botschaft in Moskau

Den markigen Aussagen russischer Politiker, die auf die Stichworte ihres Präsidenten warten wie Schauspieler auf Regieanweisungen, folgten jedoch nur wenige konkrete Schritte. So wurde, wie es hieß, der militärische Informationsaustausch eingestellt. Worin der zuvor bestand, blieb unklar. Weiter hieß es, der Bau eines Atomkraftwerks für 22 Milliarden Dollar in der Türkei durch den staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom sein nun fraglich. Das war er allerdings vorher schon, weshalb man sich in der Türkei am Mittwoch wenig beunruhigt über diese Nachricht zeigte.

Schmerzhafter als der Baustopp für Luftschlösser könnte aus Sicht der Türkei die Nachricht sein, die Aufsichtsbehörde Rosturism habe russischen Touristikunternehmen verboten, Reiseangebote in die Türkei zu verkaufen. Viele der all-inclusive-Erholungsfabriken in Antalya und anderen türkischen Küstenorten leben von russischen Gästen, im Sommer wie im Winter. Die offizielle Begründung in Moskau war die angeblich gestiegene Terrorgefahr nach dem Muster Ägyptens. Bei einem türkischen Geflügelfleischproduzenten, dem am Mittwoch die Einfuhr von Waren nach Russland untersagt wurde, sollen wiederum Hygieneverstöße ausschlaggebend sein – ein Klassiker russischer Vergeltung. Unter den Strafmaßnahmen leiden russische Bürger ebenso wie russische Wirtschaftsinteressen. Die Duma sollte am Mittwoch noch über weitere Antworten auf die „feindseligen Handlungen“ der Türkei nachdenken. Zudem hieß es, „Unbekannte“ hätten Fensterscheiben der türkischen Botschaft in Moskau mit Steinen zertrümmert.

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