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Russisch-türkische Beziehungen : Autokraten schlagen sich, Autokraten vertragen sich

Russland braucht die Türkei - und umgekehrt

Doch noch ist Turkish Stream nicht gebaut, und schon vor der jüngsten Zuspitzung des türkisch-russischen Verhältnisses war es ins Stocken geraten. Gasprom-Chef Alexej Miller hat schon vor längerer Zeit verkündet, die Leitung in die Türkei werde wohl nur die Hälfte der zunächst geplanten Kapazität haben. In Moskau hieß es am Mittwoch, Gasprom solle das Projekt „Turkish Stream“ nun überdenken. Das Gas will Moskau der Türkei offenbar nicht abdrehen, will auch den Bosporus für die Fahrten gen Syrien weiter nutzen. Einer der Gründe für die sich um „Turkish Stream“ rankende Ungewissheit ist die Forderung Ankaras nach einem Preisnachlass von mehr als 10 Prozent auf russisches Gas sowie das Recht, einen Teil der Lieferungen selbst weiterverkaufen zu dürfen.

Darauf will sich Gasprom nicht einlassen. Andererseits hat Russlands staatlicher Energiekonzern bereits mehr als neun Milliarden Euro in das in relativ fortgeschrittenem Stadium gescheiterte „South Stream“-Projekt investiert, das die Lieferung von Gas unter dem Schwarzen Meer hindurch via Bulgarien nach Westeuropa vorsah. „Turkish Stream“ wurde von Putin Ende 2014 als Ersatz für das am Einspruch der EU zerschellte „South Stream“ aus dem Hut gezaubert und soll zum Teil dessen partiell bereits bestehende Infrastruktur nutzen. Scheitert das Nachfolgeprojekt ebenfalls, haben Gasprom und Russland viel Geld in den Sand unter dem Schwarzen Meer gesetzt.

Unabhängig vom Kriegsgeschehen in Syrien gilt: Die Türkei, der zweitgrößte Kunde Gasproms nach Deutschland, braucht russisches Gas, und Russland könnte auf einen derart wichtigen Abnehmer nicht verzichten, ohne die finanziellen Folgen empfindlich zu spüren. Doch auch Erdogans Drohungen, die Türkei werde sich notfalls nach anderen Lieferanten umsehen – Turkmenistan und Iran werden oft genannt – sind einstweilen hohl. Die turkmenischen Lieferungen sind äußerst ungewiss, und mit möglichem Gas können die Türken in diesem Winter nicht heizen, sie brauchen echtes. Gas aus Iran wiederum würde zumindest das Konfliktpotential im Fall Syrien nur von Norden nach Süden verlagern, denn mit Teheran ist Ankara in syrischen Fragen ebenfalls über Kreuz.

Putins Heldengeschichten bekommen erste Kratzer

Immerhin überlässt Erdogan in den Energieverhandlungen mit Russland nichts dem Zufall und hat die Angelegenheit nun nicht nur zur Chef- sondern sogar zur Familiensache erklärt. In der Aufregung über den türkischen Abschuss des russischen Flugzeugs war am Dienstag eine Nachricht untergegangen, die andernfalls zumindest in der Türkei die Schlagzeilen des Tages bestimmt hätte: Am Dienstag wurde in Ankara nämlich auch das neue Kabinett von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu vorgestellt. Es ist noch stärker als bisher von Erdogan-Loyalisten geprägt. Energieminister der neuen Regierung und damit für die Verhandlungen mit Russland zuständig ist Berat Albayrak – Erdogans Schwiegersohn.

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