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Erdogan und die Hagia Sophia : Nur so viel Porzellan zerschlagen wie nötig

Türkischer Präsident Erdogan Bild: AP

Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee schürt Spannungen zwischen den Religionen, anstatt diese einander näherzubringen. Erdogan ist jedoch kein Bilderstürmer. Er kalkuliert kühl Kosten und Nutzen.

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          Soweit bekannt ist, fehlt es weder in der Türkei und auch nicht in der Millionenmetropole Istanbul an islamischen Gebetsstätten. Nicht einmal an repräsentativen: Kaum eineinhalb Jahre ist es her, dass Präsident Erdogan auf der asiatischen Seite des Bosporus die gigantische Camlica-Moschee eröffnete. Die praktische Notwendigkeit, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen, wie zwischen 1453 und 1931, ist also eher gering. Der symbolische Nutzen ist umso größer: Erdogan inszeniert sich als Erbe des Eroberers von Konstantinopel, Sultan Mehmet II. – als Triumphator über das Christentum und als Schutzherr der Muslime.

          Dass er dabei einen auf den Republikgründer Atatürk zurückgehenden Beschluss revidiert (wobei er den formalen Schritt einem Gericht überließ), zeigt aufs Neue, wie weit die Transformation des türkischen Laizismus in ein islamisch gefärbtes System gediehen ist: Reaktionen im Inland muss Erdogan nicht fürchten; die säkulare Oppositionspartei CHP gab sich handzahm oder unterstützte ihn sogar. Kritik aus dem Ausland hat er eingepreist, ja, sie spielt ihm in die Hände: Bislang hat es noch immer funktioniert, die Bevölkerung hinter sich zu scharen, wenn es gilt, die Unabhängigkeit der Türkei gegen angebliche ausländische Verschwörungen zu verteidigen.

          Wenn nun etwa in Griechenland Rufe laut werden, als Revanche Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki zu einem Museum für den Völkermord an den Pontusgriechen zur Zeit der Republikgründung zu machen, dann ist die Reaktion vorhersehbar – da wäre Erdogan wieder ganz der Atatürk-Verteidiger.

          All das dient letztlich dazu, von Erdogans innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Das sollte nicht vergessen, wer sich über die Umwandlung der Hagia Sophia erregt. Die ist unnötig und beklagenswert, sie schürt Spannungen zwischen den Religionen, anstatt diese einander näherzubringen. Erdogan ist jedoch kein Bilderstürmer wie etwa die Taliban. Er zerschlägt immer nur so viel Porzellan, wie er später wieder ersetzen zu können meint. Daher hat er auch tunlichst hervorgehoben, dass die Hagia Sophia für Touristen geöffnet bleibt.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

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