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Türkei : Erdogan zeigt sich in seinem „Weißen Palast“

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Bombastische Architektur: Der neue Palast steht für den Machtanspruch des Präsidenten Bild: dpa

Kritiker sehen in dem pompösen Bauwerk ein Symbol für den Größenwahn des Präsidenten: Recep Tayyip Erdogan präsentiert sich erstmals in seinem 300.000 Quadratmeter großen neuen Amtssitz.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Mittwoch einen Staatsempfang zum Nationalfeiertag und zur Einweihung seines umstrittenen neuen Amtssitzes abgesagt. Grund sei das Grubenunglück im südtürkischen Ermenek, sagte Erdogan laut der Nachrichtenagentur Anadolu. In der Grube werden nach einem Wassereinbruch 18 Bergleute vermisst. Erdogan will im Lauf des Tags den Unglücksort besuchen.

          Erdogan absolvierte am Morgen den beim Nationalfeiertag obligatorischen Besuch am Mausoleum von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und nahm im neuen Präsidentenpalast die Glückwünsche von Politikern und anderen geladenen Gästen entgegen. Der für den Abend geplante Empfang, bei dem der als „Ak Saray“ (Weißer Palast) bekannte Bau offiziell eingeweiht werden sollte, wurde aber abgesagt. Die größte Oppositionspartei, die säkularistische CHP, wollte Erdogans Empfang ohnehin fernbleiben.

          Der Gebäudekomplex mit einer Grundfläche von 300.000 Quadratmetern ist umstritten, weil er trotz gerichtlicher Einsprüche errichtet wurde. Die Baukosten betrugen Medienberichten zufolge umgerechnet rund 275 Millionen Euro, einige Zeitungsberichte veranschlagen auch das Doppelte. Erdogan hat sich mit dem Bau über Gerichtsurteile hinweg gesetzt, die einen Stopp des Projektes in einem eigentlich per Bauverbot geschützten Forstgelände aus der Zeit von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk forderten.

          „Staatlicher Schwarzbau“

          Kritiker sehen zwei Monate nach der Wahl Erdogans zum türkischen Staatsoberhaupt darin ein Symbol für seinen Größenwahn. Sie sprechen von einem „staatlichen Schwarzbau“ und Prunksucht. Besonders die Größe des Gebäudekomplexes, dessen Grundfläche fünf mal größer ist als das Weiße Haus in Washington samt Tennisplätzen, Schwimmbad und Garten, wird kritisiert. Der neue Präsidentensitz Erdogans bietet abhörsichere Besprechungszimmer, kernwaffensichere Befehlszentralen, einen Hubschrauber-Landeplatz sowie fünf Meter hohe Zimmer. Selbst einem Raketenangriff soll das Gebäude standhalten können.

          Eigentlich war der „Weiße Palast“ für den neuen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu bestimmt. Der muss sich nun aber mit dem bisherigen Präsidentensitz begnügen, einem wesentlich bescheideneren Bau, in dem seit 1923 alle Staatsoberhäupter Quartier bezogen.

          Der „Rosa Palast“ im Ankaraner Stadtteil Cankaya war seit Atatürks Zeiten der Amtssitz des Präsidenten. Laut Erdogan aber waren die bisherigen Repräsentativbauten des Staates „der türkischen Republik nicht angemessen“. Mit seinem neuen Amtssitz stellt er auch die Prachtbauten der osmanischen Sultane und Atatürks in den Schatten. Die Anzahl der Zimmer der größten türkischen Paläste, des Topkapi-Palastes (380),  des Ciragan-Palastes (310) und des Dolmabahce-Palastes (285), kommen zusammengenommen nicht an die 1000 Zimmer des „Ak Saray“ heran.

          Umfrage: Sympathiewerte für Erdogan gesunken

          Zwei Monate nach seinem Amtsantritt als Staatspräsident sind Erdogans Sympathiewerte in der Türkei laut einer Meinungsumfrage gesunken. 48 Prozent der Befragten hätten sich negativ über die Arbeit des Staatsoberhauptes geäußert, berichtete das Meinungsforschungsinstitut Metropoll am Dienstag. 44,8 Prozent seien dagegen zufrieden gewesen. Bei der ersten direkten Wahl eines Staatspräsidenten durch das Volk in der Türkei hatte Erdogan im August noch 51,7 Prozent der Stimmen erhalten.

          Davutoglu kam in der Oktober-Umfrage von Metropoll auf einen Zustimmungswert von 43,5 Prozent. 45,1 Prozent der Befragten äußerten sich negativ über die Arbeit des Ministerpräsidenten, der auch die islamisch-konservative Regierungspartei AKP anführt. Deutlich schlechter wird in der Umfrage Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der CHP beurteilt: Er kommt auf eine Zustimmung von 18 Prozent, 76 Prozent sind unzufrieden. Im kommenden Jahr stehen in der Türkei Parlamentswahlen an.

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