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Erdogan im Interview : „Ein klarer Fall von Hochverrat“

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Erdogan im Interview: „Wenn Erdogan eine unterdrückende Person wäre, dann hätte er nicht 52 Prozent bei der Präsidentenwahl gewonnen“ Bild: AP

In seinem ersten Interview nach dem Umsturzversuch spricht der türkische Präsident über die Todesstrafe, seinen Feind Fethullah Gülen und die Nacht des Putsches. Auch über das Verhältnis seiner Regierung zu den Medien hat Erdogan etwas zu sagen.

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          „Nehmen Sie mich mit zurück in diese Nacht. Was ist passiert?“ Eine einfache Frage, die die Journalistin Becky Anderson vom amerikanischen Fernsehsender CNN da zu Beginn ihres Exklusivinterviews stellt. Ihr Interviewpartner ist niemand Geringeres als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er sitzt ihr in einem gepolsterten Sessel direkt gegenüber, die türkische Flagge im Hintergrund. Und bedankt sich erst einmal für die Frage, bevor er Luft holt und erzählt von dem „klaren Fall von Hochverrat“.

          Lesen Sie das Gespräch im Wortlaut hier nach

          Er sei mit seiner Familie im Urlaub gewesen, nur für fünf Tage, da habe er „Nachrichten“ erhalten über „irgendeine Art von Bewegung“ in Ankara und in Istanbul und an anderen Orten. Man habe sich entschieden, das Hotel zu verlassen. „Ich hatte meine Frau, meinen Schwiegersohn, meine Enkelkinder da. Dadurch war es nochmal ernster.“ Später im Interview sagt er, dass zwei seiner persönliche Leibwächter kurz nach seinem Verschwinden getötet wurden. „Wäre ich zehn oder 15 Minuten länger geblieben“, sagt Erdogan, „ich wäre getötet oder entführt worden“.

          Dann berichtet Erdogan Anderson das, was inzwischen jeder weiß. Wie die CNN-Zentrale von den putschenden Milizen geräumt wurde, wie Erdogan dann doch über FaceTime mit den Medien Kontakt aufnehmen konnte und seine Bürger zum Aufstand aufrief. Und wie sich viele Türken dann tatsächlich in den Straßen versammelten und den Putschisten eine klare Antwort entgegenschrien.

          Freie Presse „schon immer wertgeschätzt“

          Dabei werden in der Türkei immer wieder Journalisten angeklagt, weil sie angeblich Mitglieder terroristischer Vereinigungen sind. Nun war genau diese freie Presse ein wichtiger Bestandteil beim Widerstand gegen die Putschisten und trugen ihren Teil dazu bei, dass der Umsturzversuch scheiterte. Ob er die Medien dafür nun wertschätze, fragt Anderson. „Natürlich haben wir die freie Presse schon immer wertgeschätzt“, antwortet Erdogan. Seine Regierung habe es den Medien einfacher gemacht, man habe sie unterstützt, ihnen manche Hürde aus dem Weg geräumt.

          Doch die Wertschätzung des Präsidenten hält sich in Grenzen. Schnell schlägt der Ton durch, den Erdogan seit dem Umsturzversuch an den Tag legt: hart durchgreifen. Auch manche Medien hätten den Putsch unterstützt, „soll die türkische Justiz da nichts unternehmen?“, fragt er rhetorisch.

          „Warum auf Jahre im Gefängnis halten und füttern?“

          Ungeachtet aller Mahnungen aus Europa hat Erdogan die Marschrichtung seines Landes nach dem Putschversuch bereits entschieden, und von dieser Richtung will er nicht abweichen. Über die Wiedereinführung der Todesstrafe will er nach den Forderungen mehrerer Abgeordneter im Parlament abstimmen lassen, die Entscheidung werde er respektieren. Dabei verwies er auf den Wunsch seines Volkes nach der Höchststrafe. „Warum sollte ich sie (die Putschisten) auf Jahre hinweg im Gefängnis halten und füttern? – das sagen die Leute.“ Die Menschen wollten „ein schnelles Ende“ der Putschisten, zumal sie Angehörige, Nachbarn oder Kinder verloren hätten.

          Er selbst sei bereit für die Wiedereinführung der Todesstrafe. Ob die dann auch dem vermuteten Drahtzieher hinter dem Staatsstreich, Fethullah Gülen, Prediger und ehemaliger Verbündeter Erdogans, droht? Erdogan pocht zumindest auf die Auslieferung Gülens, der seit mehreren Jahren im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania lebt. Gülen hat in Amerika eine sogenannte „Green Card“, ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht. Mit dem Umsturzversuch habe er nichts zu tun, sagt Gülen.

          Türkei will Auslieferung Gülens bald offiziell beantragen

          Erdogan – und viele türkische Bürger, die in den Straßen Bilder von Gülen verbrennen – glauben ihm nicht. Der türkische Präsident will bei den Vereinigten Staaten in den nächsten Tagen offiziell einen Antrag auf Auslieferung stellen. Er habe diesen Wunsch gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama bereits am Telefon mehrmals geäußert, sagt Erdogan im Interview mit CNN. Er zeigt sich optimistisch, dass Amerika dem Antrag nachkommen werde. Handfeste Konsequenzen nennt er nicht.

          Von den Medien, die sich mit Gülen zum Interview getroffen hatten, zeigt sich Erdogan dagegen schwer enttäuscht. Es mache ihn „sehr traurig“. „Als die Twin Towers getroffen wurden, war Bin Ladin am Leben. Was wäre die Reaktion der Menschen gewesen, wenn diese Medienunternehmen damals Bin Ladin interviewt hätten?“ Wenn ein Mensch Terrorist sei, solle man ihm kein Sprachrohr bieten. „Das wird nur die junge Generation verderben,“ sagt Erdogan.

          Zum Schluss fragt Anderson den Präsidenten noch, wie die Türkei nach dem Putschversuch aussehen werde – ein Land, das auf Versöhnung baut, oder eines, in dem hart durchgegriffen wird. Er wolle sich nicht mit Terroristen versöhnen, antwortet Erdogan. In der Türkei hätten diejenigen einen Platz, die sich für ihr Land, ihre Flagge, ihre Nation und den Staat einsetzten. Auf den Vorwurf, er sei ein unterdrückender Herrscher, sagt er: „Wenn Tayyip Erdogan eine unterdrückende Person wäre, dann hätte er nicht 52 Prozent bei der Präsidentenwahl gewonnen.“

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