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Situation in der Türkei : Muslimische Nächstenliebe

Aktuelle Umfragen ergeben: Eigentlich mögen die Türken niemanden so richtig. Bild: dpa

Erdogan hetzt gegen Oppositionelle und Minderheiten – die Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei nimmt er aber in Schutz.

          8 Min.

          Unlängst haben amerikanische Politikwissenschaftler und türkische Demoskopen mehr als 2000 Türken danach befragt, wen sie mögen, fürchten oder verabscheuen. Ergebnis: Eigentlich mögen die Türken niemanden. So gaben 62 Prozent der Befragten an, eine negative Haltung zu Russland zu haben – und damit hatten die Russen noch den Trostpreis bei der Parade türkischer Missgunst gewonnen, denn andere Staaten, Allianzen oder Konfessionen, nach denen gefragt wurde, kamen noch schlechter weg. Zum Beispiel die Nato (67 Prozent Ablehnung) „Christen“ (69 Prozent), „Europäer“ (73 Prozent), Deutschland (74 Prozent) oder „Juden“ (78 Prozent). Noch unbeliebter als Juden sind in der Türkei demnach nur Amerikaner (aber das kennt man ja) – und syrische Flüchtlinge. Über die äußerten sich 79 Prozent der Befragten negativ.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nun gibt es gute Gründe, Umfragen nicht vorbehaltlos zu glauben, denn je nachdem, wie eine Frage formuliert ist und wem sie wann gestellt wird, können ziemlich unterschiedliche, manchmal sogar gegensätzliche Antworten dabei herauskommen. Doch die Resultate der hier zitierten Befragung im Auftrag des Washingtoner „Zentrums für amerikanischen Fortschritt“ werden bestätigt durch ein halbes Dutzend anderer Studien, Umfragen und Analysen aus jüngerer Zeit, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Eine deutliche Mehrheit der Türken äußert darin jeweils starke Abneigungen gegen syrische Flüchtlinge. Bei einer im Dezember 2016 veröffentlichten Umfrage der Istanbuler Kemerburgaz-Universität und der University of Kent gaben 72 Prozent der befragten Türken an, sich unwohl zu fühlen, wenn sie Syrern begegneten, und 76 Prozent äußerten, keine Sympathie für sie zu hegen. Eine Arbeit unter Leitung des führenden türkischen Migrationsforschers Murat Erdogan ergab, dass 73 Prozent der Türken ein friedliches Zusammenleben mit Syrern für unvorstellbar halten. Immer wieder begegnen Meinungsforscher in Interviews mit Türken Aussagen wie: „Wir fühlen uns wie Fremde im eigenen Land.“ Auch die „International Crisis Group“, ein auf Analysen aus Krisengebieten spezialisierter Forschungsverbund mit Hauptsitzen in Brüssel und Washington, hat in den vergangenen Monaten mehrere Studien vorgelegt, die diese Resultate bestätigen. Ihr Fazit: Die Feindseligkeit gegenüber Syrern in der Türkei wächst. In einigen Vierteln Istanbuls, Ankaras und Izmirs mit einem hohen Flüchtlingsanteil sei die Gefahr weiterer Konflikte hoch, denn viele angestammte Bewohner dieser Stadtteile betrachteten die syrischen Flüchtlinge als „kulturell andersartig“ und glaubten, sie würden bei der Verteilung staatlicher Leistungen bevorzugt. Vor allem Bevölkerungsgruppen, die sich ohnehin ausgegrenzt wähnen, „betrachten Syrer als Bedrohung ihrer politischen und wirtschaftlichen Interessen“, heißt es in einer Analyse der „Crisis Group“.

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