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Kölner zur Erdogan-Demo : „Die sollen sich in der Türkei bekriegen“

Einsatzkräfte bereiten sich in Köln auf die Großdemonstration vor. Bild: dpa

30.000 Demonstranten, einige gegen Erdogan, die meisten für ihn: Die Demonstrationen am Sonntagnachmittag werden die Domstadt fordern. Was die Kölner davon halten? Wir haben uns umgehört.

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          „Warum müssen die überhaupt in Köln demonstrieren?“, fragt Frank. Der 47-Jährige sitzt mit drei Kumpels in einem Biergarten in Köln-Deutz. Es ist Samstagabend, die Stimmung gut, etwas Sonne, leichter Wind. 700 Meter entfernt, einmal die Straße runter, vorbei an der Deutzer Freiheit und runter zum Ufer, dort liegt die ehemalige Deutzer Werft. Ein großer betonierter Platz mit Stufen und einer Wiese an der Seite.

          Timo Steppat
          (tist.), Politik

          Hier wollen sich am Sonntagnachmittag bis zu 30.000 Menschen einfinden. Sie wollen für die türkische Einheit demonstrieren, gegen den Militärputsch vor zwei Wochen. Frank, Guido, Jochen und Thomas, alle vier Leben in der Gegend, sitzen im Brauhaus Lommerzheim um die Ecke und suchen wie viele Kölner noch nach einer Haltung dazu.

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          Guido und Jochen sind eher dagegen. Guido sagt: „Demonstrieren darf jeder. Aber da geht’s nicht um 'ne Sache, die für Köln oder Deutschland eine Rolle spielt.“ Jochen stimmt ihm zu: „Die sollen sich ruhig in der Türkei bekriegen, aber hier muss das nicht sein.“

          Heute die Erdogan-Unterstützer, in ein paar Wochen die Kurden

          Überhaupt stören sie sich daran, dass immer häufiger „irgendwelche Gruppen“ in ihrer Stadt „für irgendwas“ demonstrieren. Im Frühjahr waren es Türken und Kurden, die am Hauptbahnhof und in der Altstadt demonstrierten, an diesem Wochenende die pro-Erdogan Demo von gigantischem Ausmaß und in ein paar Wochen wird es eine kurdische Großveranstaltung in der Lanxess Arena geben.

          Nach Putschversuch : Kölner besorgt über Erdogan-Demo

          Lange war den vier Männern, wie den meisten Kölnern egal, wer demonstrierte, solange nichts passierte und sie selbst nichts damit zu tun hatten. Das Kölsche Prinzip „Leben und Leben lassen“ klingt tolerant – es ist aber vor allem ein Ausdruck von gelebtem Desinteresse. Bei dem speziellen Fall am Sonntag stören sich die Männer an der „Verherrlichung eines Alleinherrschers“, so drückt Frank es aus. „Der lässt Journalisten einsperren, schmeißt massenweise Leute raus und geht gegen seine Kritiker vor – so einem lassen wir auch noch huldigen“, sagt Frank. Er ist Busfahrer bei den Kölner Verkehrsbetrieben und schnauft zufrieden, wenn sagt, er müsse Sonntag nicht arbeiten. „Wenn die Massen kommen, wird das sicherlich das reinste Chaos.“

          Der einzige in der Runde, der es etwas anders sieht, ist Thomas. Er findet, die Türken sollten demonstrieren dürfen. Sie seien schließlich in den meisten Fällen selbst Deutsche. „Deutschland und die Türkei sind sehr stark verbunden“, referiert er. „Deshalb ist das so wichtig, dass wir Deutschen uns auch damit auseinandersetzen, was in Ankara und Istanbul passiert.“ Der Köbes stellt vier Bier auf den Tisch. Prost.

          Die Stadt am Rhein ist Erdogans Zielgruppe

          In Köln hat jeder Dritte einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe der Einwanderer sind die Türken, sie machen fast zehn Prozent der in Köln lebenden Menschen aus. Das ist einer der Gründe, wieso Großveranstaltungen mit Erdogan, wie vor zwei Jahren, am Rhein stattfinden – die Zielgruppe ist hier groß.

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          Köln : Demonstrationen in Köln am 31.7.2016

          Hinzu kommt, dass viele türkischstämmige Mitglieder in gut organisierten Kulturvereinen sind, sich in den Stadtteilen engagieren oder im Bezirksrat sitzen. Wie gut organisiert die Community ist, zeigt ein Blick auf die Liste der Organisatoren: Fast 80 Vereine sind an der Großdemonstration am Sonntag beteiligt.

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