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Erdogan-Besuch : Roter Teppich für den ungeliebten Gast

Ein reisefreudiger Präsident

In Berlin wurden die Treffen mit Erdogan wegen seines großen Egos in den letzten Jahren zunehmend als anstrengend empfunden. Im Februar 2008 rief er in der Köln-Arena 20.000 Türken und türkischstämmigen Deutschen, die ihn wie einen Popstar feierten, zu, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschheit sei. Er bestärkte sie, ihre Kultur, Religion und Identität zu bewahren. „Denn überall, wohin wir kommen, gibt es nur Liebe und Freundschaft.“ Im November, anlässlich des 50. Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, umarmte er sie in Düsseldorf mit Worten. Damals sei die Einsamkeit mitgefahren, auch der Koran. Wer kam, habe seinen Schweiß eingebracht. „Sie sind meine Staatsbürger, meine Brüder und Schwestern. Ihr Leid ist unser Leid, ihre Freude unsere Freude.“ Er wärmte ihre Herzen, die Halle tobte.

Im Februar 2011 wieder ein Großauftritt in Düsseldorf. Erdogan variierte sein Grundthema nur leicht: „Keiner kann uns von unserer eigenen Kultur und Zivilisation losreißen.“ Und für die türkischen Kinder in Deutschland sei es wichtiger, zunächst gut Türkisch zu lernen, dann erst Deutsch. Im Mai 2014 sein letzter großer Auftritt in Deutschland. In der Kölner Lanxess-Arena rief er der jubelnden Menge zu: „Die Türkei ist nicht mehr die Türkei von gestern. Ihr seid Angehörige einer großen Nation!“ Als Staatspräsident nahm Erdogan im Juni 2017 am G-20-Gipfel in Hamburg teil. Die Bundesregierung lehnte seinen Wunsch ab, auf einer öffentlichen Kundgebung zu sprechen.

Doch nicht nur in Deutschland ist Erdogan regelmäßig zu Gast. Wenige Präsidenten auf der Welt haben eine vergleichbare Lust am Reisen. In den ersten drei Jahren habe er als Präsident 86 Auslandsreisen unternommen, vermeldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu vor einem Jahr. Jeweils dreimal war er in Deutschland, Frankreich, Belgien, viermal aber in Russland und gar fünfmal in den Vereinigten Staaten. Er besuchte auch Länder wie Äquatorialguinea und Madagaskar, die selten hohen Besuch bekommen. Seither hat Anadolu das Zählen eingestellt.

Erdogans Sicherheitsleute fielen durch aggressives Auftreten auf

Sein eigener Außenminister war er bereits, seit die AKP im November 2002 erstmals mit der Regierungsverantwortung beauftragt wurde. In den elf Jahren und fünf Monaten als Ministerpräsident hat Erdogan mehr als 300 Auslandsreisen unternommen, die ihn in 90 Staaten geführt haben. Am häufigsten reiste er mit 16 Mal nach Deutschland, nur ein Mal weniger in die Vereinigten Staaten, gefolgt von Belgien (und Brüssel) mit 13 Besuchen.

Im Oval Office des Weißen Hauses saß Erdogan zum ersten Mal am 28. Januar 2004. Damals war ihm noch eine gewisse Unsicherheit anzumerken, als er sich mit Präsident George W. Bush zeigte. Spätere Besuche in den Vereinigten Staaten waren weniger entspannt. Am 17. Mai 2017 hatten während Erdogans Besuch in Washington kurdische Kritiker vor der Residenz des türkischen Botschafter demonstriert. Daraufhin drosch Sicherheitspersonal aus Erdogans Delegation auf die Demonstranten ein, neun Menschen wurden verletzt, einer schwer. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, die amerikanische Polizei sei den türkischen Forderungen nicht gefolgt, gegen die Demonstranten einzuschreiten, die sie als „Unterstützer des Terrors“ bezeichnete und die Slogans gegen Erdogan riefen. Amerikanische Politiker, unter ihnen Senator John McCain, forderten daraufhin die Ausweisung des türkischen Botschafters und strafrechtliche Konsequenzen für die beteiligten Leibwächter.

Bereits im Jahr davor, im April 2016, waren Erdogans Sicherheitsleute durch ihr aggressives und gewalttätiges Auftreten aufgefallen, als sie während eines Vortrags Erdogans einen Reporter aus dem Saal warfen und draußen Demonstranten verprügelten. Ähnliches hatte sich zwei Monate zuvor auch in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, ereignet. Erdogans Leibwächter zerrten Protestteilnehmer nach draußen, einem wurde die Nase gebrochen. So gewalttätig wurde es bei den Besuchen in Deutschland nie.

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