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Erdbeben : Die historische Stadt Bam gibt es nicht mehr

Ein Bild der Vergangenheit: Die alte Festung von Bam vor dem Erdbeben Bild: AP

Das verheerende Erdbeben in Iran hat nach vorläufigen Schätzungen 20.000 Menschen das Leben gekostet. Mehr als 30.000 weitere wurden verletzt, hieß es in einer Erklärung des Innenministeriums.

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          Das schwerre Erdbeben in Iran hat laut vorläufigen Schätzungen 20.000 Menschen das Leben gekostet. Mehr als 30.000 weitere wurden verletzt, wie das iranische Innenministerium am Samstag in einer im staatlichen Fernsehen verlesenen Erklärung mitteilte. Der Gouverneur der Stadt Kerman, Akbar Alawi, sprach von möglicherweise bis zu 40.000 Opfern.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Im Erdbebengebiet liefen unterdessen internationale Hilfsaktionen an. In der am schwersten zerstörten Stadt Bam bemühten sich die Rettungskräfte um die Bergung verschütteter Opfer. Auf einem Friedhof wurde am Samstag ein Massengrab ausgehoben. Tausende Bewohner verbrachten die Nacht bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt im Freien.

          90 Prozent der Stadt Bam zerstört

          Das Erdbeben ereignete sich am Freitag morgen um 5.28 Uhr Ortszeit. Das Zentrum für Geophysik an der Universität Teheran gab die Stärke mit 6,3 an. Unterdessen ermittelte die Straßburger Erdbebenwarte eine Stärke von 6,6. Das Epizentrum des Bebens vom Freitag soll in einer Tiefe von 33 Kilometern gelegen haben.

          Die Ruinen der Festung am Samstag, 27. Dezember 2003

          Bam hat 80.000 Einwohner. Das staatliche iranische Fernsehen zeigte Straßenzüge mit eingestürzten Häusern. Nach Angaben des Fernsehens hat das Beben 90 Prozent der Stadt Bam zumindest beschädigt. Zerstört wurden drei Viertel der Gebäude, darunter die zwei Krankenhäuser, was die medizinische Betreuung der Verletzten erheblich erschwert. Meist waren die Gebäude der Stadt aus Lehmziegeln errichtet worden und nur ein oder zwei Stockwerke hoch. Die malerisch gelegene Stadt war großzügig am Rande berühmter Dattelpalmenhaine gebaut worden. Der Gouverneur der Provinz Kerman, Mohammad Ali Karimi, sagte, das Erdbeben habe die Altstadt von Bam, die abseits der Neustadt liegt, zerstört. Sie galt als eine der wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten Irans.

          Iran bittet um internationale Hilfe

          Das Erdbeben hat die Telefonverbindungen und die Wasserversorgung von Bam und der umgebenden Dörfer zerstört. Der iranische Rote Halbmond hat Rettungsmannschaften mit Suchhunden aus mehreren nahe gelegenen Provinzen nach Bam geschickt. Viele Verletzte konnten in die Krankenhäuser der Provinzhauptstadt Kerman gebracht werden, zum Teil in Hubschraubern. Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, nicht in die zerstörte Stadt zu kommen und nach Verwandten zu suchen, auf daß die Wege aus der Stadt für die Rettungswagen nicht blockiert würden. Aus Furcht vor den Nachbeben errichteten die Rettungseinheiten Zeltstädte für die Überlebenden außerhalb von Bam. In den Stunden nach dem großen Stoß waren mehrere Nachbeben von mehr als Stärke 5 gemessen worden. Zunächst rief Iran die einheimische Bevölkerung zu Blutspenden auf. Iran bat aber auch um internationale Hilfe. Vor allem würden Blut und Impfstoffe sowie Trinkwasser und Wasseraufbereitungsanlagen benötigt, hieß es in den iranischen Medien. Schon am Freitag entsandten die Türkei und Rußland Hilfsgüter nach Iran.

          Wegen der Bauweise der Häuser fordern in den Provinzen Irans schon Erdbeben, die stärker sind als 5, unverhältnismäßig viele Opfer. Bahram Akascheh, Erdbebenfachmann der Universität Teheran, kritisierte, daß seine Landsleute zu wenig auf Erdbeben vorbereitet würden. Iran wird ständig von schweren Erdstößen heimgesucht. 1990 starben bei einem Erdbeben der Stärke 7,7 im Nordosten Irans 35.000 Menschen.

          Aus Ziegelsteinen und Lehm erbaut

          Ein schwerer Schlag ist für die iranische Tourismusindustrie die Zerstörung der historischen Stadt Bam. Nicht klar war am Freitag, ob unter den Toten auch ausländische Touristen sind. Meist übernachten Besucher des historischen Bam in den Hotels der Provinzhauptstadt Kerman. Die mittelalterliche Stadt, die von einer hohen, gezackten Umfassungsmauer umgeben und von einer mächtigen Zitadelle überragt war, hatte für viele iranische, aber auch einige internationale Filme eine imposante Kulisse gebildet. Gegründet wurde die Stadt vor mehr als 1.500 Jahren unter der iranischen Dynastie der Sassaniden. Der größte zuletzt noch erhaltene Teil stammte jedoch aus dem 16. Jahrhundert. Bam hatte nichts von seinem Zauber einer gut erhaltenen mittelalterlichen Stadt eingebüßt.

          Auch das alte Bam war jedoch mit Ziegelsteinen und Lehm erbaut worden. Nur durch ein enges Tor im Süden der Anlage war die Stadt zu betreten. Danach verlor sich der Besucher - vorbei an einem alten Bazar und einer Karawanserei, an einer Moschee und an Ställen - im Labyrinth der längst nicht mehr bewohnten Straßen. Von der Spitze der Zitadelle aus hatte der Besucher einen unvergeßlichen Blick über ausgedehnte Dattelpalmenhaine sowie über die alte und die neue Stadt Bam, die nun beide Opfer des Erdbebens geworden sind.

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