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Entsetzen über Massaker in Syrien : 116 Tote Zivilisten - UN-Sicherheitsrat berät

  • Aktualisiert am

Viele der Toten sind Kinder Bild: AFP

Bei dem Massaker in der syrischen Stadt Hula sind mehr Menschen getötet worden, als bisher angenommen. Es habe 116 Todesopfer gegeben, berichtete der Leiter der UN-Beobachtermission in Syrien, Robert Mood, dem UN-Sicherheitsrat.

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          Bei dem Massaker in der zentralsyrischen Stadt Hula sind mehr Menschen getötet worden, als bisher angenommen. Es habe 116 Todesopfer gegeben, teilte der Leiter der UN-Beobachtermission in Syrien, Robert Mood, am Sonntag nach Angaben von Diplomaten dem UN-Sicherheitsrat in New York mit. Zudem seien etwa 300 Menschen verletzt worden. Zuvor hatten die UN-Beobachter von mindestens 92 Todesopfern gesprochen.

          Bei der Sitzung des Sicherheitsrates wurde die Lage in Syrien beraten. Russland hatte zuvor eine Verurteilung des Massakers von Hula durch das Gremium verhindert. Statt einer entsprechenden Vorlage für eine Erklärung zuzustimmen, forderte der Vertreter Moskaus nach Diplomatenangaben eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates zu dem Thema.

          Zu Beginn der Sitzung hinter verschlossenen Türen äußerte der russische Vertreter Igor Pankin vor Journalisten Zweifel an der Darstellung von Menschenrechtsaktivisten, dass syrische Regierungstruppen das Blutbad verübten. „Wir müssen prüfen, ob es wirklich die syrischen Autoritäten waren.“

          Syrische Führung weist Verantwortung zurück

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan verurteilten das „schreckliche und brutale Verbrechen“ scharf. Dieser „wahllose und unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt“ stelle eine klare Verletzung internationalen Rechts dar, heißt es in einer am Samstag am UN-Hauptsitz in New York verbreiteten gemeinsamen Erklärung Bans und Annans. Sie forderten die syrische Regierung auf, den Einsatz schwerer Waffen in bewohntem Gebiet sofort zu stoppen. Jede Form der Gewalt in Syrien müsse beendet werden.

          Die syrische Führung wies die Verantwortung für das Massaker in der Stadt Hula zurück. „Frauen, Kinder und alte Männer sind erschossen worden“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Sonntag. Die „heroische syrische Armee“ habe mit diesen Taten nichts zu tun. Unter den Todesopfern in Hula waren den Vereinten Nationen zufolge mindestens 32 Kinder

          Auch die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton verurteilte den Angriff scharf. Sie verlangte in der Erklärung vom Samstag in Washington ein Ende der Gewalt. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Vereinigten Staaten würden mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, um den Druck auf den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und „seine Spießgesellen“ zu erhöhen. „Deren Herrschaft durch Mord und Angst muss ein Ende haben“, forderte Clinton.

          Bundesaußenminister Guido Westerwelle verlangte, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Westerwelle forderte Konsequenzen. Das Assad-Regime müsse die Gewalt sofort einstellen, den Friedensplan des ehemaligen UN-Generalsekretärs Annan in vollem Umfang umsetzen und vorbehaltlos mit den UN-Beobachtern zusammenarbeiten. „Es ist schockierend und empörend, dass das syrische Regime seine brutale Gewalt gegen das eigene Volk nicht einstellt.“

          „Eine brutale Tragödie“, sagt Robert Mood, der Chef der UN-Beobachtermission in Syrien

          Der französische Außenminister Laurent Fabius erklärte: „Mit diesen neuen Verbrechen treibt das mörderische Regime Syrien noch tiefer in das Entsetzen und gefährdet die Stabilität der Region“. Großbritannien forderte eine „starke internationale Reaktion“. Die britische Regierung setzte sich für eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates ein, um eine Antwort auf dieses „entsetzliche“ Verbrechen zu koordinieren, erklärte Außenminister William Hague am Samstag. Dazu werde man sich mit den Verbündeten, dem UN-Sicherheitsrat, der EU und den Menschenrechtsorganisationen der UN abstimmen.

          Truppen des Assad-Regimes beschossen mit Kanonen und Raketenwerfern die Siedlung Taldo bei Al-Hula. UN-Beobachter, die sich am Samstag am Schauplatz in der Provinz Homs umsahen, bestätigten den Tod von 92 Menschen, darunter 32 Kinder.

          „Brutale Tragödie“

          Es handelte sich um eine der schlimmsten Gräueltaten des Regimes seit Ausbruch der Proteste vor 15 Monaten. Robert Mood, der Chef der UN-Beobachtermission in Syrien, sprach am Samstag vor der Presse in Damaskus von einer „brutalen Tragödie“. Nabil al-Arabi, der Generalsekretär der Arabischen Liga, bezeichnete das Geschehene als „grauenhaftes Verbrechen“. Das staatliche syrische Fernsehen zeigte Aktivisten-Videos von den Opfern und behauptete, die Dorfbewohner seien von „terroristischen Banden“ massakriert worden.

          Die Informationen über den massenhaften Tod der Zivilisten in Al-Hula drangen am Samstag zunächst bruchstückhaft an die Öffentlichkeit. Wie der Exil-Aktivist Ahmed Kassem der Deutschen Presse-Agentur dpa in Beirut darlegte, hätten seine eigenen Eltern, mit denen er am Samstag telefonieren konnte, das Artilleriefeuer auf Taldo nur mit viel Glück überlebt.

          Seinem Bericht zufolge schlugen die ersten Granaten mitten in die wöchentliche Protestkundgebung unbewaffneter Bürger nach dem Freitagsgebet ein. Bereits dies habe ein große Zahl an Opfern gefordert. Danach hätten die Truppen die Wohnhäuser Taldos unter Feuer genommen. Hunderte Granaten und Raketen sollen niedergegangen sein.

          Von Aktivisten ins Internet gestellte Videos zeigten Leichen von Familien mit Kindern in verschiedenen Wohnräumen. Aus Angst vor weiteren Angriffen setzte eine Massenflucht aus Taldo ein. Die Menschen zögen ins Landesinnere, wie die in London ansässige syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte.

          Kämpfe gingen auch am Samstag weiter

          Der Syrische Nationalrat forderte die Einberufung des UN-Sicherheitsrates, um die Verantwortlichen für das mutmaßliche Massaker festzustellen. Die Freie Syrische Armee (FSA) forderte die UN dazu auf, sich auf ihre Verantwortung zu besinnen und die Gewalt in Syrien zu stoppen. Täten sie dies nicht, fühle sich die FSA nicht mehr weiter an die geltende Waffenruhe gebunden, hieß es in einer Erklärung der Rebellen-Streitkraft.

          Doch ungeachtet der empörten Reaktionen der internationalen Gemeinschaft gingen die Kämpfe in Syrien auch am Samstag weiter. Nach Angaben von Aktivisten kamen bei Angriffen der Regierungstruppen 47 Menschen ums Leben. Darunter seien auch 18 fahnenflüchtige Soldaten, meldeten die Regimegegner. Die Soldaten seien alle durch Kopfschüsse getötet worden. In Idlib und im Großraum Damaskus habe es insgesamt die meisten Opfer gegeben.

          In Syrien unterdrückt das Assad-Regime seit fast 15 Monaten mit brutaler Gewalt eine anfangs friedliche Protestbewegung, die inzwischen stellenweise in einen bewaffneten Aufstand umgeschlagen ist. Die etwas mehr als 250 UN-Beobachter sind seit Mitte April unbewaffnet im Land. Sie überwachen eine kurz vor ihrem Eintreffen vermittelte Waffenruhe, die aber nur auf dem Papier existiert. Waffenruhe und UN-Einsatz sind Teil des Friedensplans des UN-Vermittlers Annan. Der ehemalige UN-Generalsekretär (1997-2006) wird am Montag zu Gesprächen in Damaskus erwartet.

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