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Entführungen unter Franco : Die gestohlenen Kinder

Inés Madrigal hat nach 32 Jahren auf der Suche ihre leibliche Familie gefunden. Bild: AP

Während der Franco-Diktatur wurden zahlreiche Kinder ihren Eltern entwendet und verkauft. Tausende Spanier sind seitdem auf der Suche nach ihrer wahren Familie. Eine Frau hat sie endlich gefunden.

          Inés Madrigal brauchte 32 Jahre, um das „Puzzle ihres Lebens“ zu vervollständigen. Strahlend und doch ein wenig traurig gab die 49 Jahre alte Spanierin bekannt, dass sie endlich ihre Familie gefunden habe. „Ich bin sehr glücklich: Jetzt habe ich vier Geschwister“, sagte Madrigal. Dafür musste sie einen Umweg über die Vereinigten Staaten nehmen. Erst ein Gentest in einem kalifornischen Labor führte sie zusammen. Dennoch bleibe für sie ein „bitterer Beigeschmack“, wie sie sagte. Die Eisenbahnangestellte aus Murcia hat ihre leibliche Mutter nicht mehr wiedergesehen. Sie war 2013 im Alter von 73 Jahren gestorben.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Madrigal erregte im vergangenen Jahr in Spanien Aufsehen. Zum ersten Mal hatte ein Gericht festgestellt, dass in Spanien während der Franco-Diktatur Kinder geraubt wurden. Trotzdem wurde der Angeklagte Eduardo Vela freigesprochen. Die Richter hielten die Vorwürfe gegen den 85 Jahre alten Arzt für erwiesen, aber verjährt. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von elf Jahren gefordert. Vela hatte Madrigal direkt nach der Geburt einem Ehepaar gegeben, das keine Kinder bekommen konnte. Die Geburtsurkunde hatte er gefälscht und behauptet, er sei bei der Geburt dabei gewesen. An ihrem 18.Geburtstag gestand ihre Stiefmutter Madrigal, dass sie nicht ihre leibliche Tochter sei. Später hörte sie dann von den „Bebés robados“, den während der Franco-Diktatur gestohlenen Babys.

          Verbrecherischer Arzt entgeht seiner Strafe

          Offizielle Zahlen gibt es nicht. Historiker schätzen, dass vom Ende des spanischen Bürgerkriegs an zwischen 30.000 und 300.000 Säuglinge ihren Eltern nach der Geburt weggenommen und regimetreuen, konservativen Familien überlassen wurden. Es begann, nachdem der Diktator Francisco Franco 1939 an die Macht gekommen war, und ging wohl auch nach dessen Tod im Jahr 1975 noch mindestens zwei Jahrzehnte weiter. In Spanien haben in den vergangenen Jahren mehr als 2300 „Bebés robados“ auf der Suche nach ihren biologischen Eltern Anzeige erstattet – bisher ohne Erfolg. Bei Madrigal stellte sich jedoch heraus, dass sie gar nicht geraubt worden war.

          Ihre Mutter war als ledige Frau schwanger geworden und hatte ihr Kind freiwillig weggegeben – „ohne zu wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war“, wie Madrigal von ihren Geschwistern erfahren hatte. Der Madrider Gynäkologe habe sie dann ihren Stiefeltern gegeben und die Geburtsurkunde gefälscht. „Ich hätte meine Mutter kennenlernen können, wenn Doktor Vela die Menschlichkeit gehabt hätte, mir ihren Namen anzuvertrauen“, bedauert ihre Tochter. Ihre Mutter hieß Pilar und starb 2013 im Alter von 73 Jahren. „Ich weiß, dass sie mich nie vergessen hat“, fügte sie hinzu. Auf Fotos konnte sie sehen, wie ähnlich sie ihrer leiblichen Mutter war. Mit ihr habe Doktor Vela jemandem „einen Gefallen getan, wie jemand, der einem Kind einen Hundewelpen gibt. Ich frage mich, wie oft er es getan hat“, sagt Madrigal.

          Bald nach ihrer Geburt heiratete ihre Mutter und bekam vier weitere Kinder. Auch ihre Geschwister hatten sich auf die Suche nach ihr gemacht, die nur mit der Hilfe eines Gentests zu einem späten Erfolg führte. Denn der Arzt hatte alle Spuren verwischt. Er habe das Archiv der Madrider San-Ramón-Klinik selbst verbrannt, sagte Vela einmal stolz in einem Interview; bis 1981 hatte er die Geburtsabteilung des Krankenhauses, in der zahlreiche Kinder „verschwunden“ waren, geleitet. Mit der Hilfe eines ersten Gentests in Amerika hatte Madrigal zunächst einen entfernten Cousin gefunden, der sie dann auf den richtigen Weg brachte. Traurig war, dass eine spanische Datenbank, die mit Steuergeldern eingerichtet worden war, um bei der Suche zu helfen, nicht funktioniert hatte. Dort hatte auch einer ihrer Halbbrüder sein DNA-Profil hinterlassen, was aber bei keinem Abgleich aufgefallen war.

          Viele Spanier tappen noch im Dunkeln

          Die Madrider Staatsanwaltschaft bestätigte inzwischen, dass Madrigal zur Adoption freigegeben worden war. Damit entfällt der Vorwurf gegen Doktor Vela, er habe das Kind der Mutter weggenommen; es bleiben Urkundenfälschung und illegale Adoption. Es ist schwer abzusehen, ob das Auswirkungen auf das Berufungsverfahren hat, das die Anwälte nach dem Urteil im vergangenen Oktober bei dem Obersten Gerichtshof in Madrid angestrengt haben. Die Richter sollen klären, ob Kindesraub wirklich schon zehn Jahre nach dem 18. Geburtstag verjährt.

          Madrigal wurde letztlich nicht ihrer Mutter entrissen; die Justiz wird daher wohl in Zukunft entsprechende Anzeigen genauer prüfen. Aber mehr als 2000 andere Spanier, die ihre Familien immer noch nicht gefunden haben, warten auf juristische Klarheit. Vielen ihrer Mütter war gesagt worden, sie seien bei der Geburt gestorben. Einigen wurden zum Beweis sogar ein kalter Kinderleichnam gezeigt. In Wirklichkeit wurden die Säuglinge oft für viel Geld an ihre neuen Eltern verkauft.

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