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Entführungen im Jemen : „Stammesrecht und Staatsrecht kollidieren“

Alltäglich: Bewaffnete Männer in Jemens Haupstadt Sanaa Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Drei Geiselnahmen in diesem Jahr vor dem Verschwinden der Familie Chrobog gingen schnell und gewaltlos zu Ende. Die Entführungen im Jemen haben nur selten einen terroristischen Hintergrund. Unter verfeindeten Stämmen wird aber weiterhin auch Blutrache geübt.

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          Es ist ein Rückfall in eine Vergangenheit, die viele im Jemen schon für überwunden hielten. Von 2001 bis zum Sommer dieses Jahres waren in dem Land an der Südwestspitze der Arabischen Halbinsel keine Touristen mehr entführt worden. Im Jahrzehnt davor zählte man dagegen rund 200 Geiselnahmen westlicher Ausländer.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Langsam fingen wieder mehr Touristen an, sich für den Jemen zu interessieren - wie der frühere Staatssekretär Chrobog und seine Familie; noch zu seiner Amtszeit hatte das Auswärtige Amt 2004 seine Reisewarnung für das Land aufgehoben. Doch alte Konflikte erwiesen sich als langlebig. Der Fall des pensionierten deutschen Diplomaten sei ein klassisches Beispiel dafür, wie im Jemen immer wieder „Stammesrecht und Staatsrecht kollidieren“, sagt der Erlanger Geographieprofessor Horst Kopp, der seit 30 Jahren den arabischen Staat bereist. Unter den Stämmen werde weiterhin Blutrache geübt, die jedoch der Staat nicht hinnimmt. Die Sicherheitskräfte reagierten deshalb oft mit Festnahmen, um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern.

          Blutiger Streit

          Seit mehr als einem Jahrzehnt dauert der blutige Streit zwischen dem Stamm der Al Abdullah und dem Nachbarstamm der Al Riyad schon. Mehrere Tote hat es seit 1993 gegeben, wie jemenitische Medien berichteten. Bisher hatten die Stämme als Geiselnehmer aber nicht von sich reden gemacht - bis am Mittwoch Mitglieder des Abdullah-Stamms die fünf Deutschen entführten. Im vergangenen Monat habe der Abdullah-Stamm fünf seiner führenden Mitglieder der Regierung übergeben, sagte ein Stammesangehöriger am Donnerstag der Zeitung „Yemen Observer“.

          Der verfeindete Nachbarstamm sollte das auch tun, sei dieser Aufforderung aber bisher nicht nachgekommen. „Die Regierung hat nichts unternommen“, wird das Al-Abdullah-Mitglied zitiert. Seinem Stamm gehe es nicht um Lösegeld, sondern darum, daß die festgehaltenen Mitglieder freikommen und der Konflikt ein Ende findet. Erst später habe man erfahren, daß unter ihren Geiseln ein ehemaliger Staatsekretär sei, der zudem mit einer „ägyptischen Schwester“ verheiratet sei - „ein Grund, noch gastfreundlicher ihnen gegenüber zu sein“.

          Im Zeichen von Stammesfehden

          Daß sie ausgerechnet ein früheres Mitglied der deutschen Regierung entführten, könnte den Geiselnehmern peinlich sein. Denn traditionell sind die Beziehungen zwischen beiden Staaten eng. Mit keinem anderen westlichen Land habe der Jemen einen so regen Besucheraustausch gehabt wie mit Deutschland, sagen Diplomaten.

          Die drei Entführungen in diesem Jahr vor dem Verschwinden der Familie Chrobog gingen schnell und gewaltlos zu Ende. Dem Schweizer Ehepaar, das im November in die Gewalt von Geiselnehmern geriet, wird nachgesagt, es habe alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen außer acht gelassen, den Entführern sei es vor allem um Geld gegangen. In den beiden anderen Fällen dagegen wollten die Geiselnehmer verhaftete Stammesangehörige freibekommen. Die Regierung kam aber diesen Forderungen offenbar nicht nach.

          Zumindest die Entführer der an Heiligabend wieder freigelassenen Österreicher waren nach jemenitischen Zeitungsberichten dennoch zufrieden: Sie hätten der politischen Führung eine Botschaft übermittelt und die Welt auf drei inhaftierte Stammesmitglieder aufmerksam gemacht. Sie waren bei ihrer Rückkehr aus Syrien unter dem Verdacht festgenommen worden, sich im Irak den Aufständischen angeschlossen zu haben. Terroristisch motiviert war die Geiselnahme nach Ansicht von Fachleuten jedoch nicht.

          Entführungen oft Ausdruck von Verzweiflung

          Das war bisher nur ein einziges Mal bei einer Geiselnahme im Dezember 1998 der Fall: Damals kamen drei Briten und ein Australier um. Unklar war, ob das schon vor oder erst während der Befreiungsaktion der Sicherheitskräfte geschah. Die Entführer gehörten der militanten islamistischen Organisation „Islamische Armee Aden-Abijan“ an. Daraufhin griffen die jemenitischen Behörden im ganzen Land hart durch. „Der Staat hat sich große Mühe gegeben“, sagt der Erlanger Jemen-Forscher Kopp anerkennend. Drastische Strafen wie die Todesstrafe seien eingeführt, wenn auch nicht vollstreckt worden.

          Nach Ansicht jemenitischer Journalisten sind die Entführungen oft Ausdruck von Verzweiflung. „Sie entführen nicht, weil sie Terror verbreiten wollen, sondern weil ihre Stimmen oft sonst ungehört bleiben“, schreibt der Leitartikler des „Yemen Observer“. Den Entführten drohe keine Gefahr.

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