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Katholische Kirche in Italien : Empörung über ersten Missbrauchsbericht

Die Organi­sation „Rete l’Abuso“ hat mittels eigener Recherche 178 beschuldigte und 165 von italienischen Gerichten verurteilte Priester so­wie 218 gegenwärtig anhängende Verfahren identifiziert. Bild: Picture Alliance

Angesichts von Zahlenspielereien sprechen Opferorganisationen von einem „Witz“. Meinen es Italiens Bischöfe ernst mit der Aufarbeitung?

          3 Min.

          Italien ist ein Nachzügler bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Während in Aus­tralien, Kanada und den USA, in Argentinien und Chile, in Deutschland und Österreich, in Frankreich, Spanien und Portugal seit Jahren und Jahrzehnten über Missbrauch in der Kirche berichtet und gestritten wird, herrschte in Italien bis zuletzt dröhnendes Schweigen. Als ob es im „Mutterland“ der Weltkirche keine übergriffigen und gewalttätigen Priester gegeben hätte, keinen Missbrauch in katholischen Bildungs- und Sozialeinrichtungen – und auch keine Bischöfe, die Straftaten und Missstände vertuscht hätten.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Das hartnäckige Verschweigen war für die Opfer unerträglich geworden und führte zu einer anhaltenden Erosion der Glaubwürdigkeit der Italienischen Bi­schofskonferenz (CEI) und der katholischen Kirche insgesamt. Schwer lastete die Sache auch auf Papst Franziskus, der als Bischof von Rom zugleich Primas der Katholiken Italiens ist.

          Während die Ku­rie, geführt und auch gedrängt vom Papst, im Vatikan allerlei Vorkehrungen traf und Institutionen schuf, um in der Weltkirche künftigen Missbrauch zu verhindern und bereits verübten aufzuar­beiten, ließ es der gleiche Papst geschehen, dass die CEI auf Verschleppen und Verdrängen setzte.

          Der erste Missbrauchsbericht in Italien

          Damit soll es nun vorbei sein. In der vergangenen Woche stellte die CEI ih­ren ersten Missbrauchsbericht überhaupt vor. Dabei betonten Erzbischof Giuseppe Baturi, der CEI-Generalsekretär, und Erzbischof Lorenzo Ghizzoni, der Vorsitzende des CEI-Büros für den Schutz Minderjähriger und Vulnerabler, der Bericht sei „nur ein erster Schritt“, dem weitere folgen würden. Das braucht es auch. Denn in dem jetzt vorgestellten Bericht werden nur die Jahre 2020 und 2021 beleuchtet, und selbst für diesen Zweijahreszeitraum sind die Daten unvollständig.

          Erhoben wurden sie auf der Grundlage der Meldungen aus den sogenannten Anhörungszentren, die seit 2019 zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen eingerichtet wurden. Landesweit gibt es in­zwischen 90 dieser Einrichtungen, re­gionale wie überregionale. Zudem schickte die CEI gemeinsam mit externen Fachleuten erarbeitete Fragebögen zu Fällen sexualisierter Gewalt an alle 226 Diözesen. Von diesen übermittelten 166 Diözesen – ein Anteil von 73 Prozent – Antworten an die CEI.

          In dem genannten Zweijahreszeitraum habe es 86 Kontaktaufnahmen zu den Zentren gegeben, hieß es. Dabei sei es um 89 Betroffene und 68 mutmaßliche Täter gegangen. Es habe sich sowohl um aktuelle Fälle als auch solche aus der Vergangenheit vor dem Berichtszeitraum 2020/21 gehandelt. Die meisten Be­troffenen, rund 37 Prozent, seien zum Tatzeitpunkt zwischen 15 und 18 Jahre alt gewesen. Gut 31 Prozent waren zwischen zehn und 14 Jahre alt, 13,5 Prozent zwischen fünf und neun Jahren.

          Bei den Vorfällen habe es sich vor allem um „unangemessenes Verhalten und unangemessene Sprache“ ge­handelt (30,4 Prozent) sowie um „Be­rührungen“ (26,6 Prozent) und „sexuelle Belästigung“(16,5 Prozent). Außerdem wurden Geschlechtsverkehr, das Zeigen von pornographischem Material, Cyber-Grooming und exhibitionistische Handlungen gemeldet. Die mutmaßlichen Täter waren zu 44 Prozent Kleriker, Laien machten 34 Prozent, Ordensleute 22 Prozent aus. Knapp 60 Prozent der mutmaßlichen Täter wa­ren zum Tatzeitpunkt zwischen 40 und 60 Jahre alt.

          In einem zweiten Schritt will die CEI die 613 Meldungen von mutmaßlichen Missbrauchsfällen auswerten, die seit dem Jahr 2000 von italienischen Bistümern an die Glaubensbehörde im Vatikan übermittelt worden seien. Bei der Zahl 613 handele es sich um Akten, die dazu von den vatikanischen Behörden angelegt wurden, um wie viele Einzelfälle es dabei gehe, sei derzeit ungewiss, konzedierte CEI-Generalsekretär Ba­turi. Er versprach, bei der Auswertung könnten auch externe Fachleute hinzugezogen werden.

          Keine Bereitschaft für externe Untersuchung

          Francesco Zanardi, selbst Missbrauchsopfer und Gründungsvorsitzender der Organisation „Rete l’Abuso“, be­zeichnete den Bericht als „einen Witz“. Dessen Ziel sei offenbar die Verschleierung und nicht die Aufdeckung des Ausmaßes von Missbrauch in der Kirche Italiens gewesen, sagt Zanardi. Der Bericht sei wegen des begrenzten Zeitraums wenig aussagekräftig, nenne nur verwirrende Zahlen, nicht aber die betroffenen Gemeinden und Diözesen. Er beruhe zudem ausschließlich auf Zah­len aus den kirchlichen Quellen, Da­ten von unabhängigen Institutionen und von Strafverfolgungsbehörden seien nicht herangezogen worden.

          „Rete l’Abuso“ geht allein von etwa 2000 Missbrauchsopfern seit 2000 aus. Die Jahrzehnte zuvor seien weder von den Meldungen an die Glaubensbehörde im Vatikan noch gar von den Daten aus den Anhörungszentren von 2020/21 erfasst, kritisiert „Rete l’Abuso“. Die Organi­sation hat mittels eigener Recherche 178 beschuldigte und 165 von italienischen Gerichten verurteilte Priester so­wie 218 gegenwärtig anhängende Verfahren identifiziert.

          Doch selbst mit ihrem zeitlich be­grenzten und lückenhaften Bericht – mit 68 genannten Missbrauchstätern in nur zwei Jahren – habe die CEI offengelegt, dass es in der Kirche Italiens „ein Problem gibt, und zwar ein großes“, sagt Zanardi. An einer Durchleuchtung der Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnten durch eine von der Kirche un­abhängige Institution führe kein Weg vorbei, lautet seit je die Forderung von „Rete l’Abuso“. Bisher hat die CEI nicht die Bereitschaft zu einer unabhängigen externen Untersuchung des Missbrauchsproblems in der Kirche Italiens erkennen lassen.

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