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Antisemitismus in Frankreich : Ein Angriff auf die ganze Republik

Emmanuel Macron und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erinnern im Juli 2017 gemeinsam an die größte Massenverhaftung von Juden in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges. Bild: dpa

In der französischen Vorstadt Sarcelles wohnen Juden, Muslime und Christen nebeneinander. Ein jüdisches Kind wurde dort nun wegen seiner Religion angegriffen. Die Sorge über den Anstieg des Antisemitismus ist groß.

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          Ein Übergriff auf ein jüdisches Kind hat Frankreich aufgeschreckt. Zwei 15 Jahre alte Jugendliche mit Migrationshintergrund lauerten am Montagabend einem acht Jahre alten Jungen in Sarcelles nahe Paris auf. Sie stellten ihm ein Bein und misshandelten ihn mit Fußtritten, als er auf dem Boden lag. Präsident Emmanuel Macron sagte am Mittwoch, der Junge sei attackiert worden, weil er eine Kippa getragen habe. Wenn ein Franzose aufgrund seiner Religion angegriffen werde, komme dies einem Angriff „auf die ganze Republik“ gleich. Der frühere sozialistische Premierminister Manuel Valls sagte, der Vorfall sei „ein neuer Beweis für den besorgniserregenden Anstieg des Antisemitismus in sozialen Brennpunktvierteln“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Sarcelles ist eine typische, im Norden von Paris gelegene Vorstadt mit viel Beton und wenig Grün. In dieser „ville nouvelle“ fanden seit dem Ende der fünfziger Jahre etwa 15000 Juden aus Marokko, Tunesien und Algerien Zuflucht, die sich nach der Unabhängigkeit in Nordafrika nicht mehr sicher fühlten. Sarcelles wurde lange „Klein-Jerusalem“ genannt, weil in der Stadt Juden, Muslime, chaldäische und koptische Christen nebeneinander wohnen. Vor den jüdischen Schulen und den Synagogen in Sarcelles wachen seit den Terroranschlägen der vergangenen Jahre Polizisten. Der Vorsitzende des Konsistoriums in Paris, Joel Mergui, warnte zuletzt Mitte Januar davor, dass der verstärkte Schutz jüdischer Einrichtungen dazu führe, dass Juden immer häufiger auf offener Straße oder in ihrer Wohnumgebung angegriffen würden.

          Zuletzt war am 10. Januar in Sarcelles ein 15 Jahre altes jüdisches Mädchen auf dem Schulweg von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen worden. Wie die Zeitung „Le Parisien“ berichtete, hatte der Angreifer sein Gesicht mit einer Kapuze verdeckt. Die Schülerin, die mit einer blutigen Wunde an der Wange nach Hause rannte, äußerte sich zutiefst schockiert. Sie trug die Uniform einer jüdischen Privatschule. Der frühere Bürgermeister von Sarcelles, der sozialistische Abgeordnete François Pupponi, sprach von „hässlichen antisemitischen Anschlägen“. In Sarcelles seien die praktizierenden Juden an ihrer Kleidung zu erkennen, sagte Pupponi.

          Die Front-National-Vorsitzende Marine Le Pen äußerte am Mittwoch, man könne sich nicht länger damit begnügen, antisemitische Übergriffe zu verurteilen. „Wir brauchen Taten“, sagte Le Pen. Ein „vom radikalen Islam verbreiteter virulenter Antisemitismus“ sei für viele jüdische Franzosen bitterer Alltag, so die FN-Chefin. Der Vorsitzende der Republikaner, Laurent Wauquiez, verlangte „ein Ende der Naivität angesichts des Erstarkens des Antisemitismus“. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet. „Die ganze Republik steht an der Seite der Franzosen jüdischen Glaubens“, sagte Macron.

          In Frankreich leben etwa eine halbe Million Menschen mit jüdischen Wurzeln, doch längst nicht alle sind gläubig oder identifizieren sich mit den israelfreundlichen Positionen des Dachverbands der jüdischen Organisationen. Laut Statistik des Innenministeriums ist die Zahl antisemitischer Straftaten 2017 im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurückgegangen. 2016 waren 335 antisemitische Straftaten gemeldet worden. Die Vorurteile gegen jüdische Mitbürger haben jedoch laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zugenommen. Das Nachrichtenmagazin „Le Point“ veröffentlichte zum Jahresende 2017 eine Umfrage, wonach 64 Prozent der Franzosen angaben, Juden bildeten eine starke Lobby. Mehr als die Hälfte äußerten, Juden hätten zu viel Macht und seien reicher als die Durchschnittsfranzosen.

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