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Kommentar zu Macron : Klotz am Bein

  • -Aktualisiert am

Wird er es schaffen, die Franzosen zu besänftigen? Emmanuel Macron Bild: Reuters

Macron muss sich sputen, das Vertrauen der Franzosen zurückzugewinnen. Nur mit Geldgeschenken geht das nicht.

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          Die Treibstoffsteuer hatte die französische Regierung unter dem Druck der „Gelbwesten“ schon zurückgenommen. Jetzt hat Präsident Macron in einem selbstkritischen, aber keineswegs demütigen Auftritt draufgesattelt: Geringverdiener erhalten monatlich 100 Euro zusätzlich vom Staat; ärmeren Rentnern bleiben höhere Sozialabgaben erspart; der Lohn für Überstunden muss nicht mehr versteuert werden. Das summiert sich für den Staat auf hohe Haushaltsbelastungen, für die EU auf ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem bei der Durchsetzung ihrer Defizitkriterien etwa in Italien – und deshalb für den Sozialstaatsreformer wie für den Europa-Erneuerer Macron zu einem tonnenschweren Klotz am Bein.

          Doch kann die Bescherung aus dem Elysée tatsächlich die „viel tiefere Wut“ im Volk beseitigen, die Macron jetzt „in vielerlei Hinsicht berechtigt“ nannte? Schon dass er diese Wut zur „Chance“ für einen neuen Aufbruch verklärte, wird viele Franzosen skeptisch stimmen: Hat der Präsident überhaupt verstanden, wie sehr sie sich gegen ihn und seine Attitüde richtet? Wenig spricht dafür, dass ihm ein Befreiungsschlag gelungen ist.

          Der linke Volkstribun Mélenchon mokierte sich Minuten nach Macrons Rede über dessen Vorstellung, dass er den „Bürgeraufstand“ mit Geldgeschenken ersticken könnte. Niemand sollte besser wissen als der Le-Pen-Bezwinger Macron, dass Umverteilung in Zeiten der Identitätspolitik nicht mehr die allein dominierende Größe ist. Die Einheizer der Wütenden wollen nicht weniger als den Skalp des Weltenretters im Elysée. Der muss sich jetzt sputen, das Vertrauen jenes Frankreichs zu erwerben, das ihn nicht auf Händen in den Elysée trug.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

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