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Frankreich : Macrons Spiel mit dem Laizismus

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Arme auf für Frankreichs Katholiken: Präsident Emmanuel Macron bei seiner Rede auf der Bischofskonferenz Bild: EPA

Der französische Präsident Emmanuel Macron will eine Aussöhnung zwischen der katholischen Kirche und dem Staat. Damit befeuert er eine Laizismus-Debatte. Doch sein Vorgehen ist taktisch klug.

          Unweit der Kathedrale Notre Dame und der Cité, dem ältesten Teil der französischen Hauptstadt, liegt das Collège des Bernadins in der Pariser Innenstadt. Genau diesen Ort – ein ehemaliges Kolleg eines Zisterzienserordens aus dem 13. Jahrhundert – hat sich der französische Präsident Emmanuel Macron ausgesucht, um an eine der Grundfesten des französischen Staatsverständnisses zu rühren: den Laizismus.

          Macron sagte am Montagabend, er wolle die katholischen Kirche und den Staat versöhnen. Der Säkularismus habe „nicht die Funktion, das Spirituelle zu leugnen“. Eine Stunde hielt der Präsident die lang erwartete Grundsatzrede über den Laizismus vor französischen Bischöfen und vierhundert geladenen Gästen. Die Fragen, die die Kirchen stellen, würden nicht nur eine Minderheit beschäftigen, sondern die Gesellschaft als Ganzes, sagte er.

          Die Wurzeln des Laizismus

          Dabei herrscht in Frankreich seit 1905 eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der Republikanismus in Frankreich durch. Da die damals dominierende katholische Kirche anti-republikanisch war, kam es zu diesem harten Einschnitt. Einen Kompromiss gab es bei der Finanzierung von Gotteshäusern. Alle Kirchengebäude, die bis 1905 erbaut wurden, sind bis heute im staatlichen Besitz, auch Notre Dame in Paris. Alle danach errichteten religiösen Gebäude müssen durch die Glaubensverbände komplett selbst finanziert werden.

          In Frankreich ist Religion bis heute eine Privatangelegenheit. Seit 1946 steht die „laïcité“ sogar in der Verfassung. Öffentlich über seinen Glauben zu sprechen ist verpönt, zwischen Schülern und Lehrern ist es sogar gesetzlich verboten. Religionsunterricht in Schulen gibt es auch nicht. Der Staat respektiert alle Religionen, er ist weltanschaulich neutral. Frankreich hat sogar eine Laizismus-Beobachtungsstelle, die seit 2013 über die Trennung von Staat und Kirche wacht.

          „Der Säkularismus ist unser Juwel“

          Die französischen Linken beschuldigen Macron nun, den Laizismus zu untergraben. Jean-Luc Mélonchon, sein linker Herausforderer im französischen Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr,  griff ihn auf Twitter an. Macron sei in einem „metaphysischem Delirium“ gefangen. „Wir erwarten einen Präsidenten und hören einen Unter-Priester.“ Die Verbindung zwischen Staat und Kirche sei nicht beschädigt, sondern seit 1905 gebrochen. Auch Olivier Faure, der neue Generalsekretär der Sozialisten, versteht Macrons Vorstoß nicht. „Die katholische Kirche wurde nie von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen.“ Er fragt, welche Verbindung es mit dem Staat wiederherzustellen gebe. „Der Säkularismus ist unser Juwel. Das sollte ein Präsident der Republik verteidigen.“

          Da es in Frankreich seit knapp 150 Jahren verboten ist, religiöse Daten über die Bevölkerung zu sammeln, gibt es keine genauen Zahlen über die Religionszugehörigkeit der Franzosen. Einer Schätzung von 2015 zufolge sind aber bis zu zwei Drittel der Franzosen christlich, die überwältigende Mehrheit davon katholisch. Schon viele Bewerber um das Amt des Staatsoberhauptes haben das Potential dieser Wählergruppe erkannt. Der Kandidat der Konservativen um das höchste Amt in Frankreich François Fillon setzte im vergangenen Jahr offensiv auf die Katholiken. Doch viele der katholischen Konservativen wählen zunehmend den rechtsextremen Front National. Macron will diese Wähler nun offenkundig auf die republikanische Seite zurückholen. In Paris sprach er von einem gespaltenen Verhältnis der französischen Politik zu den Katholiken: Die einen hätten sie in ihrem Wahlkampf instrumentalisiert, die anderen sähen die Katholiken als „militante Minderheit“. Macron will versuchen, diesen Grabenkampf zu überwinden.

          Macron bei seiner Grundsatzrede über Laizismus im Collège des Bernadins in Paris

          Für linke Intellektuelle tobt der Kampf um die Säkularisierung Frankreichs schon lange. Wie soll der Staat mit dem Islam umgehen? Wie stark darf sich Satire mit den Muslimen auseinandersetzen? Im Herbst des vergangenen Jahres bezeichnete der Chefredakteur der linken Onlinezeitung „Mediapart“ das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ als „verirrte Linke“. Edwy Plenel warf der Zeitschrift vor, sie sei besessen davon, „Krieg gegen alles, was auch nur im Entferntesten mit dem Islam oder den Muslimen“ zu tun habe, zu führen. „Charlie Hebdo“ wurde 2015 Anschlagsziel islamistischer Terroristen. Dabei starben zwölf Menschen. Danach wurde Plenel von der Gegenseite als „gaucho-islamiste“, also als islamistischer Linksextremer beschimpft.

          Macrons „realistischer Humanismus“

          Mit seiner Rede versuchte Macron nun eine Annäherung an die immer noch einflussreiche katholische Kirche. „Die Republik erwartet viel von Ihnen“, sagte er an die Adresse der Bischöfe. Macron plädierte für einen „realistischen Humanismus“, weil politische Wirklichkeit und christliche Ideale nicht immer deckungsgleich seien. Aber gleichzeitig sagte er: „Wir zucken nicht mit den Achseln, wenn wir die Einwände der Kirche hören.“

          In den vergangenen Jahren protestierten in Frankreich zwischen zehn- und mehreren hunderttausend Menschen für die Abschaffung der 2013 eingeführten Ehe für Homosexuelle. Zeitweise versammelten sich mehr als 300.000 Demonstranten in Paris. Die Veranstalter gehören zu der Organisation „manif pour tous“ („Demo für alle“), die mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht wird. Macrons Bereitschaft, das Band zwischen Staat und Katholiken zu stärken, soll diese Kritiker besänftigen. Sein Dialog mit den Katholiken ist taktisch. Es geht ihm nicht nur um die zahlreichen potentiellen Wähler, sondern auch um den starken Einfluss der Kirche.

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