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Emmanuel Macron : Der Sonnyboy liest Goethe

Hoffnungsträger: Emmanuel Macron mit seiner Bewegung „En Marche“ während einer Wahlkampfveranstaltung in Lyon Bild: Reuters

Der Hoffnungsträger der französischen Politik, Emmanuel Macron, will das Land vor Marine Le Pen retten. Und das ohne Partei im Rücken. Kann das gutgehen?

          6 Min.

          Der Saal tobt, als die Kameras endlich Emmanuel Macron einblenden. Die Rufe werden ohrenbetäubend: „Macron Président!“ Macron bahnt sich wie ein Rockstar den Weg zur Bühne, er wird vom Applaus getragen. Etwas ist an diesem Februartag im Sportpalast von Lyon „en marche“, im Gange, wie Macron seine politische Bewegung getauft hat. Vor nicht mal einem Jahr entstand „En marche“, und jetzt wird Macron bereits als ernstzunehmender Anwärter auf das höchste Staatsamt bejubelt. In allen Umfragen liegt der 39 Jahre alte Macron inzwischen auf Platz zwei hinter Marine Le Pen, wenn es um das Ergebnis des ersten Wahlgangs geht. Für den zweiten Wahlgang sagen ihm die Meinungsforschungsinstitute einen deutlichen Sieg voraus.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Im Saal in Lyon trauen ihm alle zu, im Mai in den Elysée-Palast einzuziehen, ja sie sehnen diesen Tag herbei. Mathieu ist Lehrer, er nennt Macron „das schöne Antlitz der französischen Politik“ und schwenkt dazu einen Europawimpel. So viele blaue Europaflaggen gibt es im französischen Wahlkampf nur bei Kundgebungen von Macron zu sehen. „Wir sind weltoffen, europäisch und fortschrittlich und wir wollen nicht, dass Frankreich der Familie Le Pen in die Hände fällt“, sagt Barbara, die in Lyon studiert. „Macron lässt uns wieder hoffen.“

          Gérard Collomb, der 69 Jahre alte Bürgermeister von Lyon, sagt zum Auftakt der Kundgebung: „Ich bringe eine lange politische Erfahrung mit, aber noch nie habe ich solche Inbrunst bei einem Präsidentenwahlkampf erlebt.“ Die sozialistische Parteiführung in Paris hat Collomb mit Parteiausschluss gedroht. Alle sozialistischen Mandatsträger sollen büßen, wenn sie Macron verfallen; der ist zwar links, tritt aber als unabhängiger Kandidat an. Doch schon haben Dutzende Abgeordnete vom Reformflügel ihren Parteichef angeschrieben, um ein Recht „auf Verweigerung aus Gewissensgründen“ einzufordern. Sie wollen nicht den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamon unterstützen, der eine unternehmens- und EU-feindliche Wende nach links verspricht. Sie wollen Macron zum Sieg verhelfen.

          Achttausend Anhänger drängen sich auf den Rängen des Sportpalastes, genauso viele stehen draußen vor den Großleinwänden. „Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, ruft Macron ihnen zu. Die Belesenen unter seinen Fans wissen: Hier zitiert Macron, das Wunderkind aus Amiens, den großen Goethe, wenn auch nicht in voller Länge. „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, hielt Goethe in seinen Kriegserinnerungen in der „Kampagne von Frankreich“ fest. Macron hätte nichts dagegen, in Frankreich eine neue Epoche einzuleiten. Sein Vorhaben ist so revolutionär wie der Titel seines jüngsten Buches: „Revolution“. Noch nie ist es in der V. Republik einem Kandidaten gelungen, ohne eine Partei mit Mandatsträgern im ganzen Land den Elysée-Palast zu erobern. Aber vom Unmöglichen will sich Macron nicht aufhalten lassen.

          Macron verheißt die Wiederbelebung eines alten Ideals

          In seinem Buch hat er auch seine Familiensaga niedergeschrieben. Es ist die Geschichte eines Aufstiegs, der mit der Urgroßmutter in den Pyrenäen beginnt, die weder lesen noch schreiben kann. Und sich an der Großmutter, einer Lehrerin in der Picardie, kristallisiert. „Ich verdanke meiner Großmutter so viel“, sagt Macron in Lyon. Er ist eine Verheißung dafür, dass das alte Ideal vom Aufstieg über Bildung und Verdienst wieder belebt wird. Das macht ihn für so viele Franzosen attraktiv, die das Vertrauen in die traditionellen Parteien verloren haben. Der smarte und reformhungrige Macron, so hoffen sie, werde es schaffen, Frankreich aus der Abstiegsspirale zu führen. „Wir sind die Partei der Arbeit“, betont Macron. Er will nicht die Erben und Vermögensverwalter stärken, sondern diejenigen, die sich wie er mit Fleiß und Leistung nach oben arbeiten. Aber für seine Ideen wird er eine Mehrheit im Parlament brauchen, und wie soll er die ohne Partei bekommen? Der Zentristenpolitiker Jean Peyrelevade warnte in einem Meinungsartikel, Macron könne zwar Frankreich vor Le Pen retten und zum Präsidenten gewählt werden, aber er werde das Land ohne Parlamentsmehrheit in eine institutionelle Blockade führen.

          Kämpfen gegen Gerüchte, Macron habe eine homosexuelle Beziehung: der Kandidat und seine Frau Brigitte im Oktober in Montpellier

          Macron beschreibt sich in Lyon als Pionier, der auf den Ruinen des Zweiparteiensystems etwas Neues aufbauen will, eine Bewegung des „Wohlwollens“, wie er sagt. Er will in jedem der 577 Wahlkreise Kandidaten aufstellen. Die Hälfte sollen politische Neulinge und Frauen sein. Die andere Hälfte der Kandidaten will er von den Sozialisten, den Grünen, den Konservativen und den Zentristen abwerben. Macron verbietet dem Saal, den angeschlagenen Kandidaten der bürgerlichen Rechten, François Fillon, auszubuhen und auszupfeifen: „Seien Sie ernst, denn wir erleben ernste Zeiten.“

          Schlimm sei, dass vermutlich die Rechtspopulisten vom Front National von dem Skandal um Fillon profitierten. Macron nennt den Rechtspopulismus „die Lepra der Demokratie“. Vor den Abschottungsträumen der Le-Pen-Anhänger warnt er eindringlich. „Wir gehören alle diesen Generationen an, die den Berliner Mauerfall erlebt haben. Wir sollten niemals vergessen, dass Europa Mauern gehabt hat, niemals!“ Macron hält den Rechtspopulisten „einen Verrat an der Freiheit“ vor, weil sie „unseren Horizont verengen wollen“. Sie behaupteten, im Namen des Volkes zu sprechen, „aber sie sprechen für sich selbst“. Der Front National sei die Partei eines Familienclans, von Vater zu Tochter bis zur Nichte. „Meine Freunde, lassen Sie uns ihnen zurufen, die an nichts mehr glauben: Das Beste liegt noch vor uns!“

          Eine Gefahr für Marine Le Pen

          Marine Le Pen weiß, wie gefährlich Macron für sie ist. Als „Kandidaten der Leere“ verspottet sie ihn. „Die neueste von der Oligarchie produzierte Medienblase ist Macron, er steht für nichts, repräsentiert niemand, hat keinerlei Idee und noch nie gewagt, sich einer demokratischen Wahl zu stellen.“

          Tatsächlich hat der Präsidentschaftsanwärter noch kein detailliertes Programm vorgelegt. In Lyon spricht er fast zwei Stunden lang, er zitiert nationale Heroen von rechts und links, er lobt Charles de Gaulle und Emile Zola, er klingt wie einer, der die Nation versöhnen muss. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Der Zauberformel der Französischen Republik will er neue Kraft einhauchen. Konkret wird er nur selten, und das scheint Methode zu haben. Macron hat verfolgt, wie verschreckt viele Franzosen auf die sehr konkreten Reformpläne seines Rivalen Fillon reagiert haben.

          Macron hat über François Hollande in die Politik gefunden. Der Sozialist machte den jungen Investmentbanker und Absolventen der Elitekaderschmiede Ena zu seinem Wirtschaftsberater im Elysée-Palast. Später stieg er zum Wirtschaftsminister auf, ein Amt, das er Ende August niederlegte. Er hat ein Liberalisierungsgesetz zur Sonntagsarbeit gegen den Widerstand des Linksflügels der Sozialisten hinterlassen. Er war stolz darauf, Notare gegen sich aufgebracht zu haben, weil er ihre Privilegien stutzte. Auf den französischen Autobahnen fahren künftig Fernbusse in Konkurrenz zur Staatsbahn, Macron hat es so gewollt. Martine Aubry, die frühere sozialistische Parteichefin und Mutter der 35-Stunden-Woche, findet Macrons kritische Bemerkungen über den aufgeblähten Staatsapparat unerträglich. „Macron, Schnauze voll“, sagte sie kürzlich. Macron hat sich lieber von Hollandes früherer Lebensgefährtin, Umweltministerin Ségolène Royal, inspirieren lassen. Wie Royal sammelte er über Internetforen und Bürgerdebatten die Wünsche der Franzosen ein. Seine Graswurzelmethode ist oftmals verspottet worden, aber sie hat dazu beigetragen, dass seine Bewegung in nur zehn Monaten auf 180.000 Mitglieder anwuchs.

          In allen Umfragen liegt Macron inzwischen auf Platz zwei hinter Marine Le Pen, wenn es um das Ergebnis des ersten Wahlgangs geht. Für den zweiten Wahlgang sagen ihm die Meinungsforschungsinstitute einen deutlichen Sieg voraus.

          Zugleich setzt Macron darauf, sein Bild als Sonnyboy der französischen Politik über die Medien zu verbreiten. Seine ungewöhnliche Lovestory mit seiner 23 Jahre älteren und damals verheirateten Französischlehrerin schlachtet er ungeniert aus. Bereits viermal ließ er sich in den vergangenen Monaten mit seiner blonden Frau Brigitte für die Titelseite des einflussreichen Hochglanzmagazins „Paris Match“ ablichten. In Lyon interpretiert er seine Entscheidung für Brigitte als Beweis dafür, dass er sich nicht um Konventionen schert und zu Wagemut fähig ist. „Man hat uns erklärt, dass sich das nicht gehört, dass wir unser Glück woanders suchen sollten.“ Aber ihr gemeinsamer Wille sei stärker als alle Konventionen gewesen.

          Gerüchte über Doppelleben wischt Macron vom Tisch

          Tatsächlich weicht Brigitte Macron nicht von seiner Seite. Im Anschluss an die Kundgebung gibt es einen Umtrunk mit wichtigen Unterstützern und Förderern, auch einige junge Helfer sind eingeladen. Macron lässt sich mit jedem fotografieren, der ihn darum bittet, Bürgermeister Collomb lässt seine kleine Tochter zum Selfie mit dem Star des Abends vor. Brigitte Macron aber plaudert über die Deutschland-Neugierde ihres Mannes. „Wir haben beide Deutsch gelernt“, sagt sie. Goethe sei ihr gemeinsamer Lieblingsautor, auch wenn sie oft nicht den gleichen Literaturgeschmack hätten. Sie wirkt so, als sei sie gerüstet für eine Präsidentschaftskampagne, bei der sie als Paar noch attackiert werden könnten.

          Gerüchte über ein Doppelleben Macrons und eine Affäre mit dem Chef der staatlichen Radiosender Mathieu Gallet hat er mit Humor auszuräumen versucht. „Das kann nur mein Hologramm sein, das mir entflohen ist, ich kann es nicht gewesen sein“, sagte Macron. Er teile sein Leben „von abends bis morgens“ mit Brigitte. Auf dem jüngsten Titel von „Paris Match“ lächeln die beiden in die Kamera, als könne nichts ihrem Glück etwas anhaben. Aber Macrons Vertrauen in sein politisches Glück ist offensichtlich geringer. Er vertraute dem Magazin an, er habe Angst, „dass alles zusammenbricht wie ein Kartenhaus“.

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