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Emmanuel Macron : Der Sonnyboy liest Goethe

Tatsächlich hat der Präsidentschaftsanwärter noch kein detailliertes Programm vorgelegt. In Lyon spricht er fast zwei Stunden lang, er zitiert nationale Heroen von rechts und links, er lobt Charles de Gaulle und Emile Zola, er klingt wie einer, der die Nation versöhnen muss. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Der Zauberformel der Französischen Republik will er neue Kraft einhauchen. Konkret wird er nur selten, und das scheint Methode zu haben. Macron hat verfolgt, wie verschreckt viele Franzosen auf die sehr konkreten Reformpläne seines Rivalen Fillon reagiert haben.

Macron hat über François Hollande in die Politik gefunden. Der Sozialist machte den jungen Investmentbanker und Absolventen der Elitekaderschmiede Ena zu seinem Wirtschaftsberater im Elysée-Palast. Später stieg er zum Wirtschaftsminister auf, ein Amt, das er Ende August niederlegte. Er hat ein Liberalisierungsgesetz zur Sonntagsarbeit gegen den Widerstand des Linksflügels der Sozialisten hinterlassen. Er war stolz darauf, Notare gegen sich aufgebracht zu haben, weil er ihre Privilegien stutzte. Auf den französischen Autobahnen fahren künftig Fernbusse in Konkurrenz zur Staatsbahn, Macron hat es so gewollt. Martine Aubry, die frühere sozialistische Parteichefin und Mutter der 35-Stunden-Woche, findet Macrons kritische Bemerkungen über den aufgeblähten Staatsapparat unerträglich. „Macron, Schnauze voll“, sagte sie kürzlich. Macron hat sich lieber von Hollandes früherer Lebensgefährtin, Umweltministerin Ségolène Royal, inspirieren lassen. Wie Royal sammelte er über Internetforen und Bürgerdebatten die Wünsche der Franzosen ein. Seine Graswurzelmethode ist oftmals verspottet worden, aber sie hat dazu beigetragen, dass seine Bewegung in nur zehn Monaten auf 180.000 Mitglieder anwuchs.

In allen Umfragen liegt Macron inzwischen auf Platz zwei hinter Marine Le Pen, wenn es um das Ergebnis des ersten Wahlgangs geht. Für den zweiten Wahlgang sagen ihm die Meinungsforschungsinstitute einen deutlichen Sieg voraus.

Zugleich setzt Macron darauf, sein Bild als Sonnyboy der französischen Politik über die Medien zu verbreiten. Seine ungewöhnliche Lovestory mit seiner 23 Jahre älteren und damals verheirateten Französischlehrerin schlachtet er ungeniert aus. Bereits viermal ließ er sich in den vergangenen Monaten mit seiner blonden Frau Brigitte für die Titelseite des einflussreichen Hochglanzmagazins „Paris Match“ ablichten. In Lyon interpretiert er seine Entscheidung für Brigitte als Beweis dafür, dass er sich nicht um Konventionen schert und zu Wagemut fähig ist. „Man hat uns erklärt, dass sich das nicht gehört, dass wir unser Glück woanders suchen sollten.“ Aber ihr gemeinsamer Wille sei stärker als alle Konventionen gewesen.

Gerüchte über Doppelleben wischt Macron vom Tisch

Tatsächlich weicht Brigitte Macron nicht von seiner Seite. Im Anschluss an die Kundgebung gibt es einen Umtrunk mit wichtigen Unterstützern und Förderern, auch einige junge Helfer sind eingeladen. Macron lässt sich mit jedem fotografieren, der ihn darum bittet, Bürgermeister Collomb lässt seine kleine Tochter zum Selfie mit dem Star des Abends vor. Brigitte Macron aber plaudert über die Deutschland-Neugierde ihres Mannes. „Wir haben beide Deutsch gelernt“, sagt sie. Goethe sei ihr gemeinsamer Lieblingsautor, auch wenn sie oft nicht den gleichen Literaturgeschmack hätten. Sie wirkt so, als sei sie gerüstet für eine Präsidentschaftskampagne, bei der sie als Paar noch attackiert werden könnten.

Gerüchte über ein Doppelleben Macrons und eine Affäre mit dem Chef der staatlichen Radiosender Mathieu Gallet hat er mit Humor auszuräumen versucht. „Das kann nur mein Hologramm sein, das mir entflohen ist, ich kann es nicht gewesen sein“, sagte Macron. Er teile sein Leben „von abends bis morgens“ mit Brigitte. Auf dem jüngsten Titel von „Paris Match“ lächeln die beiden in die Kamera, als könne nichts ihrem Glück etwas anhaben. Aber Macrons Vertrauen in sein politisches Glück ist offensichtlich geringer. Er vertraute dem Magazin an, er habe Angst, „dass alles zusammenbricht wie ein Kartenhaus“.

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