https://www.faz.net/-gpf-96szs

Macron besucht Korsika : Auf der Insel der Separatisten

Demonstranten in Ajaccio forderten am Samstag vor Macrons Besuch mehr Eigenständigkeit für Korsika. Bild: dpa

Präsident Macron will heute in einer Rede auf Korsika darlegen, wie er sich das künftige Verhältnis zwischen Paris und der Insel vorstellt. Die Stimmung ist schon aufgeheizt.

          2 Min.

          Die Erwartungen an den ersten Besuch des französischen Präsidenten auf der Mittelmeerinsel Korsika sind hoch. Jean-Guy Talamoni, der Wortführer der Unabhängigkeitsbewegung „Corsica libera“, spricht von einer „einzigartigen Chance, die korsische Frage zu lösen“. In der Zeitung „Le Monde“ legte er am Montag dar, dass die Debatte über die Unabhängigkeit „im nächsten Jahrzehnt nicht auf der Tagesordnung steht“. Das ist für den Verfechter eines freien Korsikas ein bedeutendes Zugeständnis, scharte er doch jahrzehntelang die Unabhängigkeitskämpfer um sich. Doch seit er dem korsischen Regionalparlament im Bündnis „Per a Corsica“ vorsteht, wirbt Talamoni lieber für eine Stärkung der Autonomierechte einer Insel, die „mehr ist als nur eine administrative Einheit“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In den drei Wahlergebnissen zugunsten der Autonomiebewegung seit Dezember 2015 sieht Talamoni im Sinne Ernest Renans ein „tägliches Plebiszit“ für die korsische Nation. Er fordert deshalb von Präsident Macron, Verhandlungen „ohne Tabu“ über die Anerkennung der korsischen Sprache und über Sonderregelungen im Eigentums-, Immobilien- und Steuerrecht aufzunehmen. Frankreich hat noch immer nicht die europäische Charta zum Schutz von Minderheiten- und Regionalsprachen ratifiziert. Die Gründe für die Weigerung reichen in die Revolutionszeit zurück, als die französische Sprache zum identitätsstiftenden Merkmal der Nation erhoben wurde.

          Was hat Macron wirklich vor?

          Talamoni verlangt der Regierung ab, die korsische Sprache auf eine Stufe mit der französischen zu setzen. Zugleich fordert er, die Frage der sogenannten politischen Häftlinge zu regeln – gemeint sind rechtskräftig verurteilte Mitglieder oder Sympathisanten der Unabhängigkeitsbewegung, die in Haftanstalten auf dem Festland ihre Strafe verbüßen. Dazu zählt auch Yvan Colonna, der im Dezember 2007 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er den Präfekten Claude Erignac am 6. Februar 1998 in Ajaccio mit einem Nackenschuss getötet haben soll.

          Unter den Demonstranten: Jean-Guy Talamoni (links), Präsident des Inselparlaments, und Gilles Simeoni, Präsident der Regionalregierung

          Die Ermordung des höchsten staatlichen Repräsentanten auf der Insel führte vor zwanzig Jahren dazu, dass die Regierung in Paris Verhandlungen mit der korsischen Unabhängigkeitsbewegung aufnahm. Präsident Macron will an diesem Dienstagvormittag in einer Rede den Präfekten würdigen und zugleich darlegen, wie er sich das künftige Verhältnis zwischen Paris und Ajaccio vorstellt. Talamoni hat angekündigt, dass er der Gedenkveranstaltung fernbleiben wird. Der als gemäßigt geltende Chef der korsischen Regionalverwaltung, Gilles Simeoni, hat hingegen zugesagt. Simeoni verteidigte während des Strafprozesses 2007 den Präfekten-Mörder Colonna vor Gericht.

          Um den Druck auf Präsident Macron zu erhöhen, organisierte er zusammen mit Talamoni am Samstag eine Kundgebung in Ajaccio „für den Respekt der Demokratie auf Korsika“. Doch als Demonstration der Stärke taugte die Versammlung nicht. Nur gut 6000 Korsen folgten dem Aufruf – zu wenige, um den Eindruck zu erwecken, die ganze Insel stehe hinter dem neuen Führungsduo. Dennoch ist die Stimmung zum Antrittsbesuch Macrons aufgeheizt. Erste Gespräche in Paris verliefen aus Sicht von Talamoni und Simeoni enttäuschend. Macrons Entscheidung, sich vom früheren Innenminister Jean-Pierre Chévènement auf Korsika begleiten zu lassen, wird als Provokation empfunden. Chévènement hatte nach dem Mord an Erignac den Hardliner Bernard Bonnet zum Präfekten ernannt, der ein korsisches Strandrestaurant in Brand stecken ließ – von den eigenen Sicherheitskräften.

          Auf der Insel wird gerätselt, was Präsident Macron wirklich vorhat. Im Wahlkampf hatte er Verhandlungsbereitschaft angedeutet und einen „Pakt der Girondisten“ in Aussicht gestellt. Die Girondisten waren während der Revolution für stärkere lokale Freiheiten eingetreten und von den auf zentralstaatliche Gleichheit schwörenden Jakobinern ausgeschaltet worden. Doch es bleibt unklar, ob Macron Korsika weitreichende Selbstbestimmungsrechte zugestehen will. So ließ er Parteichef Christophe Castaner den korsischen Ableger der Bewegung La République en marche (LREM) tadeln, da dieser sich den Forderungen der Autonomiebewegung angeschlossen hatte. Ein geplantes Mittagessen mit dem Bürgermeister von Bonifacio, Jean-Charles Orsucci (LREM), wurde vom Elysée-Palast aus dem Programm genommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Salzgitter mit Journalisten.

          Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

          Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
          Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

          Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

          „Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.
          Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton Ende September in Washington D.C.

          Wegen Ukraine-Affäre : Bolton wollte Giulianis Vorgehen überprüfen

          Die Ukraine-Affäre zieht immer weitere Kreise. Medienberichten zufolge soll Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton über das Vorgehen Rudy Giulianis so beunruhigt gewesen sein, dass er einen Anwalt einschalten wollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.