https://www.faz.net/-gpf-8v6yg

Bündnis von Macron und Bayrou : Gegen den Sittenverfall

Freut sich über die Wahlhilfe von Bayrou: Emmanuel Macron könnte mit dessen Empfehlung Frankreichs neuer Präsident werden. Bild: AFP

Bündnis mit den Zentralisten: Frankreichs Präsidentschaftskandidat Macron hat einen neuen Unterstützer. Allerdings knüpft der Mitte-Politiker François Bayrou auch Bedingungen an die Partnerschaft.

          3 Min.

          Als „Wendepunkt“ im französischen Präsidentschaftswahlkampf hat Emmanuel Macron sein Bündnis mit dem Zentristen François Bayrou qualifiziert. Dem 39 Jahre alten Chef der Bewegung „En marche“ war am Donnerstag deutlich anzumerken, wie sehr ihn die überraschende Entscheidung Bayrous erfreut. Nur eine Stunde nach dessen Bündnisangebot am Mittwochabend und ohne weitere Verhandlungen akzeptierte Macron den Zusammenschluss.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Macron sagte jetzt, das Bündnis werde eine „starke Dynamik“ entfalten. „Uns verbindet mit François Bayrou eine starke europäische Ausrichtung, der Sinn für die Freiheit, für die öffentliche Rechtschaffenheit und der Kampf gegen die Partei Front National“, so Macron. Tatsächlich bekräftigt Bayrou mit seinem Verzicht auf eine weitere Kandidatur das Bestreben Macrons, als neue Kraft der progressiven, proeuropäischen Mitte wahrgenommen zu werden. Macron wirbt damit, „weder rechts noch links“ zu sein. Ihm schwebt eine französische Variante der großen Koalition vor, die das Land aus der Krise führen soll. An diesem Freitag will er erste Details seines Wirtschaftsprogramms enthüllen. Am 2. März soll sein gesamtes Programm, ein sogenannter Vertrag mit der Nation, vorgestellt werden.

          Es ist das erste Mal in der Geschichte der V. Republik, dass ein parteiunabhängiger Kandidat ernstzunehmende Chancen auf das höchste Staatsamt hat. Bayrou hatte jahrelang vergeblich versucht, die Links-rechts-Kluft zu überwinden, die die Französische Republik seit 1958 strukturiert. Der 65 Jahre alte Politiker hat bereits drei Präsidentschaftswahlkämpfe hinter sich und bringt einen großen Erfahrungsschatz für Macron mit. Seinen größten Erfolg erlebte er 2007, als er im ersten Wahlgang mehr als 18,5 Prozent der Stimmen erhielt. Seither gefällt sich Bayrou in der Rolle des Königsmachers, auch wenn seine politische Gestaltungskraft gegen null tendiert. 2012 war seine Wahlempfehlung für den Sozialisten François Hollande vermutlich wahlentscheidend. Nun hofft Macron augenscheinlich, dass Bayrous Unterstützung ihn in den zweiten Wahlgang am 7. Mai trägt. Bayrou konnte laut Umfragen auf einen Stimmenanteil zwischen fünf und sechs Prozent im ersten Wahlgang hoffen. Diese Prozentpunkte könnten für den Einzug in die Stichwahl entscheidend sein.

          Kämpfen gemeinsam gegen den Front National: Präsidentschaftskandidat Macron (l.) und sein Unterstützer Bayrou

          Bayrou hat seinen Verzicht auf eine Kandidatur mit der bedrohlichen Lage begründet, in der sich die „von Auflösungserscheinungen gezeichnete Demokratie“ in Frankreich befinde. „Das schürt das schlimmste Risiko, nämlich ein Strohfeuer der extremen Rechten“, sagte Bayrou. Sein Bündnisangebot verbindet der Zentrist mit harscher Kritik an den Republikanern, denen er seinen derzeitigen Posten als Bürgermeister von Pau verdankt. Er nannte es beschämend, dass die Parteiführung an François Fillon festhalte, obwohl dieser die Vorwürfe wegen der mutmaßlichen Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau und zweier seiner Kinder nicht habe entkräften können. „Die Enthüllung der Affären zeigt nicht nur die Existenz von Privilegien, sondern auch eine stillschweigende und fast einmütige Akzeptanz dieser missbräuchlichen Praktiken“, sagte Bayrou. Fillon stärke damit die extreme Rechte. Bayrou warnte davor, dass Marine Le Pen „unser Land zum Ruin und zum endgültigen Zerreißen der Europäischen Union“ führen könne.

          Der Zentrist hat seine Unterstützung für Macron an die Bedingung geknüpft, dass dieser den politischen Sittenverfall beendet. Der Präsidentschaftskandidat hat sich wiederholt für eine Erneuerung ausgesprochen, so will er bei den Parlamentswahlen zur Hälfte Kandidaten aufstellen, die noch nie ein politisches Amt ausgeübt haben. Bayrou verpflichtete Macron jetzt auch dazu, die Parlamentarier künftig stärker zu kontrollieren und missbräuchlichen Praktiken ein Ende zu setzen. Bayrou wies Spekulationen über seine mögliche Nominierung als Premierminister eines Präsidenten Macron zurück. „Darum geht es nicht“, sagte er im Radiosender RTL am Donnerstag. „Meinen Platz habe ich bereits, ich fülle ihn aus“, sagte er. Bayrou will sich durch sein Bündnis nicht den Mund verbieten lassen. So kritisierte er die Wortwahl Macrons, der die französische Kolonialherrschaft mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gleichgesetzt hatte. „Ich glaube, er hat mich angehört“, sagte Bayrou.

          Indessen will der Zentrist nichts mehr von der Kritik wissen, die er noch vor wenigen Monaten gegen Macron vorgebracht hatte. So hatte er Macron als „Kandidat der Finanzmächte“ bezeichnet. Die erste öffentliche Begegnung zwischen Macron und Bayrou am 9. Juli 2016 am Rande der Tour de France in den Pyrenäen verlief unterkühlt. Bayrou ließ den Jüngeren spüren, dass ihm die Erfahrung fehle. Doch der Kontakt riss seither nicht ab. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass die beiden Männer in derselben Straße im 7. Arrondissement von Paris wohnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Reisende am Dienstag am Pekinger Westbahnhof

          Corona-Virus : Vertuschung führt in die Katastrophe

          Angesichts der raschen Ausbreitung des Corona-Virus mahnt Chinas Führung zu Transparenz: Peking will beweisen, dass es mit der Krise verantwortungsvoll umgeht. Die Offenheit ist nicht allen geheuer.
          Dicke Luft: Am 14. Januar schaffte es Sarajevo in den Top fünf der Städte mit der schmutzigsten Luft der Welt auf Platz eins.

          Smog im Balkan : Die dickste Luft Europas

          Die Städte des Balkans versinken im Smog. Rückständige Heizsysteme, veraltete Autos und eine schlechte Verkehrsinfrastruktur sorgen im Winter für katastrophal hohe Feinstaubwerte. Oder sind die nur Ergebnis einer Intrige?

          Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

          Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.