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EM in der Ukraine : Zu Gast beim Diktator

In Europa ist die ukrainische Führung isoliert. Deshalb darf die Fußball-EM kein Propagandaerfolg werden.

          Am Sonntagnachmittag startet der Grand Prix von Bahrein. Der Sieger wird sich im Ziel mit Rosenwasser bespritzen lassen statt mit Champagner - aus Rücksicht auf die islamischen Gastgeber, das Königshaus des Inselstaates. Ebenfalls aus Rücksicht auf die Gastgeber müssen die Fahrer ignorieren, dass sie 57 Mal an Gebäuden vorbeirasen, in denen nach Angaben von Menschenrechtlern noch kurz zuvor Oppositionelle gefoltert wurden. Der Internationale Motorsport-Verband wollte sich das Geschäft nicht schon wieder verderben lassen; vor einem Jahr war das Rennen wegen der schweren Unruhen in Bahrein abgesagt worden. Und das Königshaus wollte für alle sichtbar zur Normalität zurückkehren. Man darf bezweifeln, dass diese Rechnung aufgeht: Die tagelangen Proteste haben die Welt an die politische Erstarrung im Königreich erinnert.

          Es gab gleichwohl gute Gründe, das Rennen abzusagen. Sportevents mit Millionen Fernsehzuschauern sind nicht immun gegen ihre politische Umgebung. Sie können Herrschaft legitimieren, Regime aus der Isolation holen und von gesellschaftlichen Zerwürfnissen ablenken. Das trifft auch zu auf das Großereignis, dem Europa entgegenfiebert: die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine (und in Polen). Die Mannschaften und ihre Fans werden im Juni zu Gast sein bei einem Regime, das auf dem Weg ist zu einer Diktatur.

          Viktor Janukowitsch scheint davon besessen, seine politischen Gegner zu beseitigen. In Schauprozessen ließ er eine gleichgeschaltete Justiz drei frühere Minister und die Regierungschefin Julija Timoschenko zu absurd anmutenden Haftstrafen verurteilen. Der unter großen Schmerzen leidenden Timoschenko verweigerte er über Monate eine angemessene medizinische Behandlung. Sie wurde sogar verhört und muss sich nun einem weiteren Verfahren stellen. Die Bundesregierung sieht darin einen Verstoß gegen das Verbot unmenschlicher Behandlung. Alle Versuche, Frau Timoschenko nach Deutschland zu verlegen, sind gescheitert.

          In der EU ist Janukowitsch seit dem Urteil gegen Frau Timoschenko isoliert; ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine liegt auf Eis. Doch zur Eröffnung der EM wird er als Gastgeber auf der Tribüne sitzen. Und viele erwarten, dass er sich danach keine Gelegenheit entgehen lässt, auch andere Spiele zu besuchen, zum Beispiel das zwischen Deutschland und Holland in Charkiw. In Charkiw sitzt Timoschenko in einer „Strafkolonie“ ein, dort muss sie sich vor Gericht verantworten. In der Bundesregierung und im DFB heulen schon alle Warnsirenen - es steht viel auf dem Spiel, nicht nur sportlich.

          Trotzdem geht die Regierung bis jetzt rein defensiv mit den absehbaren Peinlichkeiten um. Sie will Janukowitsch schneiden und sieht die Uefa als Veranstalter in der Pflicht, Druck zu machen. Ende März antwortete sie auf eine kleine Anfrage der Grünen, die ukrainische Führung werde sich bei der EM „als weltoffener, europäischer, moderner und demokratischer Staat präsentieren“. Mag sein - aber es stimmt nicht. Und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich dies „positiv auf die Menschenrechtslage auswirken“ könne. Im Umfeld der Olympischen Spiele präsentierte sich China als lächelnder, cooler Gastgeber. Als die Kameras weg waren, steckte das Regime die Dissidenten ins Gefängnis und holte seinen Rückstand bei Hinrichtungen auf.

          Die Entpolitisierung des öffentlichen Raums wird durchbrochen

          Vor Monaten wäre es noch möglich gewesen, den Hebel anzusetzen und damit zu drohen, die Spiele in der Ukraine in ein anderes Land zu verlegen. Ein ähnlicher Vorstoß des Eishockey-Weltverbands wegen der WM 2014 brachte gerade den weißrussischen Diktator Lukaschenka dazu, zwei prominente Dissidenten freizulassen. Beim Fußball ist es jetzt zu spät dafür. Nicht zu spät ist es aber für etwas anderes: Die Europäer sollten die EM zu einem Tribunal gegen Janukowitsch machen. Soll die Bundeskanzlerin ruhig nach Charkiw oder Lemberg reisen, um ihre Mannschaft anzufeuern - aber nur, wenn sie vorher Timoschenko und Luzenko im Gefängnis besuchen darf. Wird der Sport dadurch unnötig politisiert? Es ist umgekehrt: Die Entpolitisierung des öffentlichen Raums, nach der Diktatoren streben, wird durchbrochen.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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