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Elfenbeinküste : Unzählige alte Rechnungen

  • -Aktualisiert am

Polizisten stehen in Abidjan Unterstützern von Alassane Ouattara gegenüber Bild: AFP

In der Elfenbeinküste scheint ein neuer Bürgerkrieg unabwendbar. Am Mittwoch riefen Berlin und Paris alle Deutschen und Franzosen auf, das Land zu verlassen. Der Kampf zwischen Gbagbo und Ouattara begann aber schon 2000, als die Hauptstadt Abidjan die schlimmsten Straßenschlachten ihrer Geschichte erlebte.

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          Laurent Gbagbo gibt nicht nach. Damit das auch alle wissen, wandte er sich am Dienstagabend in einer Fernsehansprache ans Volk. Er allein sei der rechtmäßige Präsident der Elfenbeinküste, sagte er – und gab sich doch versöhnlich gegenüber seinem Gegner Alassane Ouattara. Gbagbo schlug vor, eine internationale Untersuchungskommission einzusetzen, die sich noch einmal über die umstrittenen Wahlergebnisse beugen und die „Wahrheit“ an Licht bringen solle. „Ich will nicht, dass das Blut eines einzigen Ivorers vergossen wird“, beteuerte Gbagbo.

          Die Reaktion des Ouattara-Lagers war vorhersehbar: Gbagbo sei schon wieder dabei, die „Welt an der Nase herumzuführen“, hieß es aus dem „Hotel Golf“. Dort haben sich Ouattara und sein designierter Ministerpräsident, der ehemalige Rebellenführer Guillaume Soro, unter dem Schutz von UN-Soldaten verschanzt. Das einzige, worüber Soro verhandeln will, ist „Gbagbos Rücktritt“. Dazu wird es kaum kommen. Ein neuer Bürgerkrieg scheint unabwendbar zu sein. Die Regierungen in Berlin und Paris riefen am Mittwoch alle Deutschen und Franzosen auf, das Land zu verlassen.

          Der erbitterte Kampf zwischen Ouattara und Gbagbo hat nicht erst nach der Wahl vom 28. November begonnen. Er hat seinen Ursprung im Jahr 2000. Damals herrschte eine Militärregierung, die ein Jahr zuvor gegen Präsident Henri-Konan Bédié geputscht und Neuwahlen versprochen hatte. In der von den Militärs gegründeten Übergangsregierung waren auch Mitglieder von Gbagbos Partei „Front populaire ivoirien“ (FPI) und Ouattaras Partei „Rassemblement des Républicains“ (RDR) vertreten. Die Wahlen rückten näher – und Ouattara wurde wieder einmal beschieden, er dürfe nicht kandidieren. Denn in der Elfenbeinküste ist das „concept d’ivoirité“ zum Gesetz erhoben worden, eine Art Ariernachweis auf Ivorisch. Ouattara aber konnte nicht beweisen, dass schon seine Eltern Ivorer waren.

          Alassane Ouattara

          Beide Männer verständigten sich darauf, die Wahl zu boykottieren

          Im Ferienhaus des zurückgewiesenen Politikers an der Côte d’Azur kam es daraufhin zu einem denkwürdigen Treffen zwischen den Ehepaaren Ouattara und Gbagbo. Hier verständigten sich die beiden Männer darauf, die anstehende Wahl zu boykottieren. Doch einmal zurück in Abidjan, wollte Gbagbo davon nichts mehr wissen. Jetzt nämlich rechnete er sich aus, dass er gegen den ebenfalls kandidierenden Putschgeneral Robert Gueï leichtes Spiel haben müsste. So kam es dann auch. Allerdings hatte Gbagbo auch die Unterstützung der paramilitärischen Gendarmerie nötig, um die Armee in Schach zu halten, die Gueï durchsetzen wollte.

          Auf Ouattara, der Anfang der neunziger Jahren schon einmal Ministerpräsident war und noch früher beim Internationalen Währungsfonds in Washington Karriere gemacht hatte, wirkte Gbagbos politische Pirouette wie Verrat. Seine Anhänger rief er auf, Gbagbos Wahlsieg nicht anzuerkennen. Das war im Oktober 2000, und Abidjan erlebte in den folgenden Tagen die schlimmsten Straßenschlachten seiner Geschichte. Wie viele Menschen damals umkamen, weiß niemand.

          In einem Stadtteil wurden mehr als 50 Leichname gefunden

          In Erinnerung jedenfalls blieb das „Massengrab von Youpogon“ (Charnier de Youpogon), benannt nach einem Abidjaner Stadtteil, in dem mehr als 50 Leichname junger Männer gefunden wurden, die mutmaßlich von Gendarmen regelrecht hingerichtet worden waren. Die Opfer kamen ausnahmslos aus dem muslimischen Norden des Landes, woher auch Ouattara stammt. Das Massaker wurde nie aufgeklärt und der „Charnier de Youpogon“ galt den Menschen aus dem Norden fortan als Beweis für die Blutrünstigkeit der neuen Regierung.

          Die damals offen ausgebrochene Feindschaft zwischen dem Norden und dem Süden des Landes hat praktisch nichts damit zu tun, dass im Norden überwiegend Muslime leben, der Süden aber christlich dominiert ist. Es geht darum, wer in der Elfenbeinküste wählen darf und vor allem, wem Landbesitz gestattet ist. Zwischen 28 und 35 Prozent der Bevölkerung sind „Ausländer“. Die meisten stammen aus dem Sahel, aus Mali, Burkina Faso und Guinea, und ohne ihre Arbeitskraft wären die großen Kakaoplantagen nicht zu bewirtschaften.

          Die Familien vieler dieser Arbeiter sind seit Generationen in der Elfenbeinküste ansässig, besitzen die ivorische Nationalität, gelten den angestammten Landbesitzern – den Bété und den Baoulé – aber nach wie vor als Ivorer zweiter Klasse. Das gleiche gilt für Ivorer aus dem Norden, die Familiennamen wie Ouattara, Coulibaly oder Koné tragen und damit ihre kulturelle Nähe zu Mali und Burkina Faso offenbaren. Ouattaras Ausschluss von der Wahl 2000 ist im Norden der Elfenbeinküste jedenfalls als Kampfansage verstanden worden.

          Der harte Kern der Rebellen sind Deserteure der Streitkräfte

          Trotzdem hat damals niemand die Rebellion kommen sehen, die 2002 mit einem fehlgeschlagenen Putsch in Abidjan begann und in deren Verlauf das Land zweigeteilt wurde. Den harten Kern der Rebellen machten Deserteure der regulären Streitkräfte aus. Zwei Jahre hatte sich diese Gruppe in Burkina Faso organisiert und bewaffnet, ohne dass die dortige Führung etwas dagegen unternommen hätte. Kein Wunder: Die immer lautstärkere Ausländerfeindlichkeit im Süden der Elfenbeinküste, befeuert durch eine extrem hohe Arbeitslosigkeit und das „concept d’ivoirité“, bereitete dem burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré große Sorgen: Wären die vier bis fünf Millionen in Côte d’Ivoire lebenden Burkiner in ihr Heimatland zurückgekehrt, hätte sich Compaoré mit Hungeraufständen konfrontiert gesehen.

          Die Rebellen, die sich in Bouaké festgesetzt hatten, gaben sich zunächst freundlich und zuvorkommend. Kehrten sie ein, kauften sie Lebensmittel oder tankten sie ihre Fahrezeuge auf, bestanden sie darauf, ihre Rechnungen zu begleichen. Das völlig überraschte Gbagbo-Lager hingegen reagierte kopflos und aggressiv. So hatten die Rebellen wenigstens die internationale Presse rasch für sich eingenommen. Aber das sollte sich rasch ändern, denn in den von den Rebellen besetzten Gebieten reihte sich plötzlich Massaker an Massaker. Alleine in Bouaké töteten die Gbagbo-Gegner 95 Gendarmeriebeamte mitsamt deren ganzen Familien.

          Paris hatte ein geheimes Verteidigungsabkommen mit Abidjan geschlossen

          Gbagbo verlangte damals den Einsatz der französischen Armee und berief sich dabei auf das geheime Verteidigungsabkommen, das Paris mit der Elfenbeinküste wie mit vielen anderen Kolonien geschlossen hat. Doch Paris weigerte sich zunächst, in einen „innerivorischen“ Konflikt einzugreifen, woraufhin Gbagbo seine letzte Waffe einsetzte: den Mob.

          Damals entstanden die Schlägerbanden namens „Jeunes Patriotes“ (Junge Patrioten), die insbesondere die damals noch nach Zehntausenden zählende französische Gemeinschaft in Abidjan gleichsam in Geiselhaft nahmen. So verspielte Gbagbo seinen letzten internationalen Kredit. Doch was sich in Abidjan vor den entsetzten Augen vieler Franzosen und anderer Ausländer abspielte, war noch harmlos im Vergleich zu dem, was sich im Norden ereignete. Hunderttausende Nordivorer flohen vor den Massakern nach Abidjan zum vermeintlichen Feind, um ihr Leben zu retten.

          Erst die französische Armee konnte die Frontlinie einfrieren

          Schließlich griff die französische Armee doch ein. Ihr gelang es, die Frontlinie auf Höhe der Stadt Bouaké einzufrieren. Am weiteren Vormarsch gehindert, zeigten sich die Rebellen nun verhandlungsbereit. Erste politische Köpfe tauchten auf – unter ihnen jener Guillaume Soro, den Ouattara vor wenigen Tagen zu seinem Ministerpräsidenten erklärte. Soro hatte freilich einst in der Jugendbewegung der Gbagbo-Partei FPI eine wichtige Rolle gespielt. Mehr noch: Mit Charles Blé Goudé, dem Anführer der Gabgbo-Schläger „Jeunes Patriotes“, hatte er sich an der Universität von Abidjan einst ein Zimmer geteilt und sich um die Führung der Studentenbewegung Fesci gestritten.

          Es folgte ein jahrelanger Verhandlungsmarathon. Gbagbo verdarb es sich dabei vor allem mit den afrikanischen Nachbarn, insbesondere mit Ghana, Nigeria und Senegal. Deren Führungen investierten viel Zeit und Mühe in ihre Vermittlungsbemühungen, doch jedes Mal, wenn sich ein Kompromiss abzeichnete, wollte Gbagbo nichts mehr davon wissen. Immerhin schaffte es der damalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, Gbagbo zu einer Streichung des Verfassungspassus zu bewegen, wonach schon die Eltern eines Präsidentschaftskandidaten ivorische Staatsbürger sein müssen. Mit anderen Worten: Ouattara wurde wieder wählbar. Dass er der eigentliche Kopf der Rebellion war, stand mittlerweile außer Zweifel.

          Neuwahlen wurden sechsmal wieder verschoben

          Doch erst nach Vermittlung des burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré, der den ivorischen Rebellen auch während des Krieges sichere Rückzugsräume bot, einigten sich Gbagbo und Ouattaras Getreuer Soro 2007 auf die Bildung einer Übergangsregierung und auf Neuwahlen. Die allerdings wurden sechsmal terminiert und wieder verschoben. Natürlich hielten Rebellen wie ausländische Beobachter das für Manipulationsversuche Gbagbos. Doch das alleine war es nicht.

          Die komplizierte Arbeit an den neuen Wählerregistern brauchte ihre Zeit. Um nicht Zehntausende Einwanderer aus Guinea und Burkina Faso mit ivorischen Wählerkarten – und damit ivorischen Ausweisen – auszustatten, musste nahezu jeder Antragsteller einzeln nach seiner Herkunft und nach Zeugen für seine Aussage befragt werden. Die Rebellen benannten sich derweil in „Forces nouvelles“ um, erpressten weiter Geld von Lastwagenfahrern, die aus dem Hafen von Abidjan nach Mali und Burkina Faso unterwegs waren, und weigerten sich, ihre Waffen abzugeben. Die im April 2004 in Côte d’Ivoire eingerichtete UN-Mission Onuci fand trotzdem, die Situation sei reif für friedliche und faire Wahlen.

          Die internationale Gemeinschaft lässt vieles durchgehen

          Im Süden der Elfenbeinküste sind sehr viele Menschen überzeugt, ihr Präsident, ja ihr Land sei das Opfer einer Verschwörung. Sie sehen, wie die sogenannte internationale Gemeinschaft Druck auf Gbagbo ausübt, den Rebellen zugleich aber vieles durchgehen lässt. Die Reaktionen auf die Stichwahl passen in dieses Muster. Die Beschwerden des Gbagbo-Lagers über massive Manipulationen der Ergebnisse im Norden wurden kaum zur Kenntnis genommen, das von der Wahlkommission verkündete Ergebnis – 54 Prozent für Ouattara – für bare Münze genommen.

          Dass der ivorische Verfassungsrat die Ergebnisse aus drei nordivorischen Wahlkreisen für nichtig und Gbagbo zum Sieger erklärte, wurde als Manipulation zurückgewiesen: Die höchste juristische Instanz des Landes sei von Gbagbo unterwandert. Viele Ivorer aus dem Süden sehen keinen Unterschied zwischen der UN-Mission und einer Kolonialmacht.

          Der frühere Kolonialherr in Person des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy kann diese Ivorer kaum vom Gegenteil überzeugen. Immerhin hat er als Bürgermeister von Neuilly einst Alassane und Dominique Ouattara standesamtlich vermählt; auf ihrer Hochzeitsfeier war er Ehrengast. Zudem sind die beiden französischen Großindustriellen Vincent Bolloré und Martin Bouygues, zu denen Sarkozy enge Beziehungen unterhält, die größten Unternehmer in der Côte d’Ivoire. Den beiden Konzernen gehören die Wasser- und Stromwerke sowie die Eisenbahnlinien des Landes. Dass die früheren Staatsbetriebe privatisiert wurden, haben die Unternehmer einem früheren Ministerpräsidenten namens Alassane Ouattara zu verdanken. Das muss nichts zu sagen haben. Für die Anhänger Gbagbos sagt es alles.

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