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Elfenbeinküste : Unzählige alte Rechnungen

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Schließlich griff die französische Armee doch ein. Ihr gelang es, die Frontlinie auf Höhe der Stadt Bouaké einzufrieren. Am weiteren Vormarsch gehindert, zeigten sich die Rebellen nun verhandlungsbereit. Erste politische Köpfe tauchten auf – unter ihnen jener Guillaume Soro, den Ouattara vor wenigen Tagen zu seinem Ministerpräsidenten erklärte. Soro hatte freilich einst in der Jugendbewegung der Gbagbo-Partei FPI eine wichtige Rolle gespielt. Mehr noch: Mit Charles Blé Goudé, dem Anführer der Gabgbo-Schläger „Jeunes Patriotes“, hatte er sich an der Universität von Abidjan einst ein Zimmer geteilt und sich um die Führung der Studentenbewegung Fesci gestritten.

Es folgte ein jahrelanger Verhandlungsmarathon. Gbagbo verdarb es sich dabei vor allem mit den afrikanischen Nachbarn, insbesondere mit Ghana, Nigeria und Senegal. Deren Führungen investierten viel Zeit und Mühe in ihre Vermittlungsbemühungen, doch jedes Mal, wenn sich ein Kompromiss abzeichnete, wollte Gbagbo nichts mehr davon wissen. Immerhin schaffte es der damalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki, Gbagbo zu einer Streichung des Verfassungspassus zu bewegen, wonach schon die Eltern eines Präsidentschaftskandidaten ivorische Staatsbürger sein müssen. Mit anderen Worten: Ouattara wurde wieder wählbar. Dass er der eigentliche Kopf der Rebellion war, stand mittlerweile außer Zweifel.

Neuwahlen wurden sechsmal wieder verschoben

Doch erst nach Vermittlung des burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré, der den ivorischen Rebellen auch während des Krieges sichere Rückzugsräume bot, einigten sich Gbagbo und Ouattaras Getreuer Soro 2007 auf die Bildung einer Übergangsregierung und auf Neuwahlen. Die allerdings wurden sechsmal terminiert und wieder verschoben. Natürlich hielten Rebellen wie ausländische Beobachter das für Manipulationsversuche Gbagbos. Doch das alleine war es nicht.

Die komplizierte Arbeit an den neuen Wählerregistern brauchte ihre Zeit. Um nicht Zehntausende Einwanderer aus Guinea und Burkina Faso mit ivorischen Wählerkarten – und damit ivorischen Ausweisen – auszustatten, musste nahezu jeder Antragsteller einzeln nach seiner Herkunft und nach Zeugen für seine Aussage befragt werden. Die Rebellen benannten sich derweil in „Forces nouvelles“ um, erpressten weiter Geld von Lastwagenfahrern, die aus dem Hafen von Abidjan nach Mali und Burkina Faso unterwegs waren, und weigerten sich, ihre Waffen abzugeben. Die im April 2004 in Côte d’Ivoire eingerichtete UN-Mission Onuci fand trotzdem, die Situation sei reif für friedliche und faire Wahlen.

Die internationale Gemeinschaft lässt vieles durchgehen

Im Süden der Elfenbeinküste sind sehr viele Menschen überzeugt, ihr Präsident, ja ihr Land sei das Opfer einer Verschwörung. Sie sehen, wie die sogenannte internationale Gemeinschaft Druck auf Gbagbo ausübt, den Rebellen zugleich aber vieles durchgehen lässt. Die Reaktionen auf die Stichwahl passen in dieses Muster. Die Beschwerden des Gbagbo-Lagers über massive Manipulationen der Ergebnisse im Norden wurden kaum zur Kenntnis genommen, das von der Wahlkommission verkündete Ergebnis – 54 Prozent für Ouattara – für bare Münze genommen.

Dass der ivorische Verfassungsrat die Ergebnisse aus drei nordivorischen Wahlkreisen für nichtig und Gbagbo zum Sieger erklärte, wurde als Manipulation zurückgewiesen: Die höchste juristische Instanz des Landes sei von Gbagbo unterwandert. Viele Ivorer aus dem Süden sehen keinen Unterschied zwischen der UN-Mission und einer Kolonialmacht.

Der frühere Kolonialherr in Person des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy kann diese Ivorer kaum vom Gegenteil überzeugen. Immerhin hat er als Bürgermeister von Neuilly einst Alassane und Dominique Ouattara standesamtlich vermählt; auf ihrer Hochzeitsfeier war er Ehrengast. Zudem sind die beiden französischen Großindustriellen Vincent Bolloré und Martin Bouygues, zu denen Sarkozy enge Beziehungen unterhält, die größten Unternehmer in der Côte d’Ivoire. Den beiden Konzernen gehören die Wasser- und Stromwerke sowie die Eisenbahnlinien des Landes. Dass die früheren Staatsbetriebe privatisiert wurden, haben die Unternehmer einem früheren Ministerpräsidenten namens Alassane Ouattara zu verdanken. Das muss nichts zu sagen haben. Für die Anhänger Gbagbos sagt es alles.

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