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Elfenbeinküste : Unzählige alte Rechnungen

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Die damals offen ausgebrochene Feindschaft zwischen dem Norden und dem Süden des Landes hat praktisch nichts damit zu tun, dass im Norden überwiegend Muslime leben, der Süden aber christlich dominiert ist. Es geht darum, wer in der Elfenbeinküste wählen darf und vor allem, wem Landbesitz gestattet ist. Zwischen 28 und 35 Prozent der Bevölkerung sind „Ausländer“. Die meisten stammen aus dem Sahel, aus Mali, Burkina Faso und Guinea, und ohne ihre Arbeitskraft wären die großen Kakaoplantagen nicht zu bewirtschaften.

Die Familien vieler dieser Arbeiter sind seit Generationen in der Elfenbeinküste ansässig, besitzen die ivorische Nationalität, gelten den angestammten Landbesitzern – den Bété und den Baoulé – aber nach wie vor als Ivorer zweiter Klasse. Das gleiche gilt für Ivorer aus dem Norden, die Familiennamen wie Ouattara, Coulibaly oder Koné tragen und damit ihre kulturelle Nähe zu Mali und Burkina Faso offenbaren. Ouattaras Ausschluss von der Wahl 2000 ist im Norden der Elfenbeinküste jedenfalls als Kampfansage verstanden worden.

Der harte Kern der Rebellen sind Deserteure der Streitkräfte

Trotzdem hat damals niemand die Rebellion kommen sehen, die 2002 mit einem fehlgeschlagenen Putsch in Abidjan begann und in deren Verlauf das Land zweigeteilt wurde. Den harten Kern der Rebellen machten Deserteure der regulären Streitkräfte aus. Zwei Jahre hatte sich diese Gruppe in Burkina Faso organisiert und bewaffnet, ohne dass die dortige Führung etwas dagegen unternommen hätte. Kein Wunder: Die immer lautstärkere Ausländerfeindlichkeit im Süden der Elfenbeinküste, befeuert durch eine extrem hohe Arbeitslosigkeit und das „concept d’ivoirité“, bereitete dem burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré große Sorgen: Wären die vier bis fünf Millionen in Côte d’Ivoire lebenden Burkiner in ihr Heimatland zurückgekehrt, hätte sich Compaoré mit Hungeraufständen konfrontiert gesehen.

Die Rebellen, die sich in Bouaké festgesetzt hatten, gaben sich zunächst freundlich und zuvorkommend. Kehrten sie ein, kauften sie Lebensmittel oder tankten sie ihre Fahrezeuge auf, bestanden sie darauf, ihre Rechnungen zu begleichen. Das völlig überraschte Gbagbo-Lager hingegen reagierte kopflos und aggressiv. So hatten die Rebellen wenigstens die internationale Presse rasch für sich eingenommen. Aber das sollte sich rasch ändern, denn in den von den Rebellen besetzten Gebieten reihte sich plötzlich Massaker an Massaker. Alleine in Bouaké töteten die Gbagbo-Gegner 95 Gendarmeriebeamte mitsamt deren ganzen Familien.

Paris hatte ein geheimes Verteidigungsabkommen mit Abidjan geschlossen

Gbagbo verlangte damals den Einsatz der französischen Armee und berief sich dabei auf das geheime Verteidigungsabkommen, das Paris mit der Elfenbeinküste wie mit vielen anderen Kolonien geschlossen hat. Doch Paris weigerte sich zunächst, in einen „innerivorischen“ Konflikt einzugreifen, woraufhin Gbagbo seine letzte Waffe einsetzte: den Mob.

Damals entstanden die Schlägerbanden namens „Jeunes Patriotes“ (Junge Patrioten), die insbesondere die damals noch nach Zehntausenden zählende französische Gemeinschaft in Abidjan gleichsam in Geiselhaft nahmen. So verspielte Gbagbo seinen letzten internationalen Kredit. Doch was sich in Abidjan vor den entsetzten Augen vieler Franzosen und anderer Ausländer abspielte, war noch harmlos im Vergleich zu dem, was sich im Norden ereignete. Hunderttausende Nordivorer flohen vor den Massakern nach Abidjan zum vermeintlichen Feind, um ihr Leben zu retten.

Erst die französische Armee konnte die Frontlinie einfrieren

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