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Elfenbeinküste : Gbagbos letzte Trumpfkarte: als Märtyrer sterben

  • -Aktualisiert am

Protest für Gbabo und gegen Sarkozy in Paris Bild: Reuters

Ein militärischer Sieg des anerkannten ivorischen Präsidenten Ouattara könnte schnell in eine politische Niederlage umschlagen. Sein Widersacher Gbagbo wird schon als Held gefeiert, der gegen einen vermeintlichen französischen Neokolonialismus kämpft.

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          Der seit fast einer Woche in seiner Residenz im Abidjaner Stadtteil Cocody von Truppen seines Widersachers Alassana Ouattara belagerte ivorische Machthaber Laurent Gbagbo ist dabei, zu einem Held für die afrikanische Öffentlichkeit zu werden. Je länger sein Widerstand dauert, umso lauter werden überall auf dem Kontinent Stimmen, die ihn als aufrechten Kämpfer gegen einen vermeintlichen französischen Neokolonialismus feiern. Hintergrund waren die Luftangriffe von Hubschraubern der französischen „Operation Einhorn“ als auch Hubschraubern der UN-Mission im Land (Onuc) gegen Stellungen der Präsidentengarde in Abidjan vom vergangenen Montag.

          Ob diese Luftschläge durch das Mandat der Vereinten Nationen gedeckt waren und – wie Onuci und Frankreich behaupten – dem Schutz von Zivilisten dienten, indem schwere Waffen vernichtet wurden, spielt in der öffentlichen Meinung, wie sie in Zeitungen und zahllosen Internetforen Ausdruck findet, kaum eine Rolle. Was vielmehr wahrgenommen wird, ist, dass die ehemalige Kolonialmacht wieder einmal zu Gewalt greift, um in einer ehemaligen Kolonie einen genehmen Präsidenten zu installieren – in diesem Fall Ouattara. Dafür gibt es einen bösen Begriff: „La Francafrique“.

          Vermutlich ist das einer der Gründe, warum der von den Ouattara-Truppen als „finaler Angriff“ angekündigte Sturm auf die Residenz von Gbagbo am Mittwoch nach zwei Stunden wieder abgebrochen wurde. Gbagbo als Held im Bunker ist für Ouattara schon schlimm genug. Ein toter Gbagbo aber wäre für den von der internationalen Gemeinschaft anerkannten Präsidenten Ouattara eine Katastrophe. Ouattara muss als Staatsoberhaupt einen großen Teil des Gbagbo-Lagers ins Boot holen, will er halbwegs ungestört regieren. Ein getöteter Gbagbo aber würde angesichts der jüngsten Geschichte der Elfenbeinküste wohl zu einem westafrikanischen Patrice Lumumba werden – jenem kongolesischen Ministerpräsidenten, der auf Geheiß Belgien und Amerikas 1961 ermordet worden war und trotz seiner politischen Unzulänglichkeit seither Märtyrerstatus genießt.

          Rücktritt gegen Geld?

          Aus seinem Bunker heraus spielt Gbagbo dieses Instrument inzwischen perfekt. Er hat im Gegenzug für die von UN, Frankreich und Ouattara geforderte schriftliche Rücktrittserklärung offenbar hohe finanzielle Forderungen erhoben. So sollen die Bankguthaben seiner Frau Simone in Amerika wieder freigegeben werden. Die ehemalige Gewerkschaftlerin Simone Gbagbo gilt nicht nur als politische Extremistin, sondern auch als dem Geld zugetan. Ihr Vermögen wird auf mehrere Dutzend Millionen Dollar geschätzt.

          Der zweite Grund für das Unvermögen der Ouattara-Truppe, die Residenz von Gbagbo einzunehmen, ist allerdings handfester Natur und spricht portugiesisch. Nach Informationen der für gewöhnlich gut informierten Zeitschrift „Jeune Afrique“ wird Gbagbo zwar nur von 200 Sldaten beschützt. Darunter sollen sich 92 angolanische Elitesoldaten befinden, die zur „Unidada da Guarda Presidencial“, der Prätorianergarde des angolanischen Präsidenten Eduardo Dos Santos, gehören. Das ist eine für urbane Kriegsführung trainierte Sondereinheit, die mutmaßlich das Residenzgelände vermint hat.

          Dos Santos hatte am Mittwoch noch einmal deutlich gemacht, dass er Gbagbo als einzig legitimen Präsidenten der Elfenbeinküste betrachtet. Angola und die Elfenbeinküste unterhielten exzellente Beziehungen, seit Gbagbo die Rebellen der angolanischen Unita im Jahr 2000 aus Abidjan hinauswarf, wo sie das Geld aus dem Verkauf von Blutdiamanten wuschen. Im März 2009 unterzeichneten beide Staaten ein Verteidigungsabkommen, dass sowohl die Ausbildung der ivorischen Präsidentengarde durch angolanische Spezialisten vorsah als auch militärische Hilfe im Falle eines Konfliktes.

          Dramatischen Rettungsaktion

          Solange Gbagbo sich hält, gerät die Lage in Abidjan immer mehr außer Kontrolle. In einer dramatischen Rettungsaktion haben französische Soldaten in der Nacht zum Donnerstag den japanischen Botschafter sowie ein knappes Dutzend seiner Mitarbeiter in Sicherheit gebracht. Gbagbo-Kämpfer hatten seine Residenz als vorgeschobenen Gefechtsstand missbraucht und von dort die französische Botschaft beschossen.

          Bei der Rettungsaktion nahmen französische Hubschrauber abermals Stellungen Gbagbo-treuer Kämpfer im Stadtteil Cocody unter Feuer.Daraufhin versuchten Gbagbo-Soldaten, sich gewaltsam Zutritt zur Residenz des französischen Botschafters zu verschaffen, die unmittelbar an die ivorische Residenz angrenzt; sie wurden erschossen. Indien und Israel haben Frankreich am Donnerstag ersucht, ihr Botschaftspersonal ebenfalls aus dem umkämpften Cocody heraus zu eskortieren. Im zentral gelegenen Hotel Novotel im Geschäftsviertel von Abidjan baten 20 ausländische Journalisten darum, von der „Operation Einhorn“ aus einer zusehends gefährlicher werdenden Situation gerettet zu werden.

          Es droht eine Katastrophe

          Solche Privilegien genießen die fünf Millionen ivorischen Einwohner der Stadt nicht. Sie schlittert vielmehr jeden Tag ein bisschen mehr in das hinein, was mit „humanitärer Katastrophe“ nur unzureichend beschrieben ist: kaum Wasser, kein Strom, nichts zu essen, keine Medikamente, und draußen auf den Straßen ziehen bewaffnete Plünderer umher. Die Regierung Ouattara rief am Mittwochmorgen alle Polizisten und Gendarmen auf, sich unverzüglich zum Dienst zu melden und ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Nachgekommen ist der Aufforderung aber niemand. Zu gefährlich, hieß es.

          Der Bunker, in dem sich Gbagbo aufhält, ist übrigens ein Relikt aus Tagen der „Francafrique“. Dass ausgerechnet jener ivorische Präsident, der den Einfluss Frankreichs beschneiden wollte, sich darin verschanzt, ist nicht ohne Ironie. Dieser Bunker mündet nämlich in einen Tunnel, der die Residenz des ivorischen Präsidenten mit der unmittelbar daran grenzenden Residenz des französischen Botschafters verbindet. Die Anlage diente dem Vorgänger Gbagbos, Henry Konan-Bédié, als Rückversicherung gegen unfreundliche politische Entwicklungen. Mit dem Amtsantritt Gbagbos, so versicherte einst ein französischer Botschafter dieser Zeitung, sei der Tunnel zugeschüttet worden.

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