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Elfenbeinküste : Die Eingeschlossenen von Abidjan

  • -Aktualisiert am

Angst und Schrecken: Ein Gbagbo treuer Soldat dirigiert Zivilisten am Sonntag in Abidjan Bild: REUTERS

Seit Tagen gehen die Bürger nicht mehr auf die Straße, ihre Vorräte werden knapp. In der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste regieren Angst und rohe Gewalt.

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          Als die ersten Kämpfe begannen, vor vier Wochen in Abobo, dem Stadtviertel, in dem der international anerkannte Präsident Alassane Ouattara die meisten Anhänger hat, hatten Nadia Adissa und ihr Mann Christoph Vorräte angelegt. Reis, Milch, Zucker und Mehl. Nicht, dass sie geglaubt hätten, dass es sehr schlimm werden würde. Schließlich waren das Kämpfe zwischen einer kleinen Rebellengruppe und einer hochgerüsteten Polizeieinheit des Machthabers Laurent Gbagbo. Aber Nadia wollte auf Nummer sicher gehen, schon wegen ihrer beiden kleinen Kinder.

          Am Montagmorgen, dem fünften Tag der Großoffensive der Ouattara-Truppen auf die Millionenstadt Abidjan, sind ihre Vorräte fast aufgebraucht. Sie aufzufüllen, ist unmöglich. Denn draußen auf den Straßen toben Kämpfe zwischen den Ouattara-Truppen, den Gbagbo ergebenen Resten der ivorischen Armee und vor allem der Miliz der „Jeunes Patriotes“, die von Gbagbo in der vergangenen Woche mit Kriegswaffen ausgerüstet wurde. „Wir müssen rationieren“, sagt Nadia in einem Telefongespräch, „wir essen jetzt halt weniger“. Immerhin haben sie genug Wasser in einem großen Fass im Innenhof ihres Hauses gebunkert.

          „Wir können nicht hinaus, das ist einfach zu gefährlich“

          Nadia Adissa ist 32 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und lebt in Angré, 9.ième Tranche. Das liegt im Norden Abidjans, zwischen dem mondänen Deux-Plateau und dem wilden Abobo. Angré, das ist ivorischer Mittelstand; gepflegte Häuser mit kleinen Gärten und dem ultimativen Statussymbol vor der Türe, einem gebrauchten japanischen Mittelklasseauto. Seit dem vergangenen Donnerstag aber, seit die ehemaligen Rebellen vergeblich versuchen, Gbagbo gewaltsam zu stürzen, ist Angré eine Kriegszone. „Wir können nicht hinaus, das ist einfach zu gefährlich“, sagt Nadia. In Angré haben jetzt die Rebellen die Kontrolle. Nadia weiß nicht viel über sie. „Meine Schwester wohnt an einer großen Straße und sie sieht die Rebellen jeden Tag durch das Fenster. Sie sagt, die vergreifen sich nicht an der Bevölkerung. Aber ich will das lieber nicht herausfinden“.

          In Angré gibt es zwar einen Markt, doch der, so sagen Nadias Nachbarn, ist verwaist. Dafür laufen junge Männer durch die Straßen, die in den Vierteln der Stadt, in denen noch ein Geschäft geöffnet ist, die Regale leer kaufen, um die Ware anschließend zu horrenden Preisen an die Eingeschlossenen zu verkaufen. Ein Baguette-Brot etwa, das vor einer Woche noch 150 Franc CFA (0,2 Euro) kostete, wird nun für 350 Franc CFA (0,5 Euro) gehandelt. Die Apotheken in ihrem Viertel sind auch geschlossen, es ist jetzt kein guter Zeitpunkt, krank zu werden. Zudem geht das Geld der Familie zuneige. Nadias Mann Christoph, ein Bankkaufmann, ist seit zwei Monaten arbeitslos - seit die Regierung Gbgabo alle ausländischen Bankfilialen beschlagnahmen ließ in dem verzweifelten Versuch, die internationalen Sanktionen zu umgehen.

          Vom Innenhof ihres kleinen Hauses aus kann Nadia die Hubschrauber der französischen Armee sehen, wenn die über die Lagune geflogen kommen. Sie vermutet, damit sollen die letzten französischen Staatsangehörigen aus ihren Häusern gerettet und auf den Stützpunkt des 43. Marineninfanteriebataillons am Flughafen gebracht werden. Damit sie nicht erneut zu Geiseln werden, wie das Ende 2004 geschehen ist, als ein Mob Jagd auf Weiße machte. „Das muss endlich aufhören“, sagt Nadia über die Kämpfe, die Gewalt, den Hass und die um sich greifende Verzweiflung der Bevölkerung. „Wir sind es wirklich leid“.

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