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Eklat um Chávez : Königlicher Gefühlsausbruch als Klingelton

  • -Aktualisiert am

Der König trifft das Enfant terrible aus Venezuela Bild: Reuters

Nach verbalen Attacken von Venezuelas Präsident Chávez auf dem Iberoamerikanischen Gipfeltreffen verlor König Juan Carlos die Contenance: „Warum hältst du nicht den Mund“? In der Heimat wird sein Gefühlsausbruch goutiert. Von Josef Oehrlein.

          Nach dem skandalösen Ende des jüngsten Iberoamerikanische Gipfeltreffen in Santiago de Chile schlägt dem spanischen König Juan Carlos nach dessen Gefühlsausbruch eine Welle der Sympathie entgegen.

          Als der spanische Ministerpräsident Zapatero seine Schlussworte sprach und ihm der venezolanische Präsident Chávez unaufhörlich ins Wort gefallen war, riss dem spanischen König Juan Carlos der Geduldsfaden. „Warum hältst du nicht den Mund?“, fuhr der Monarch Chávez an.

          Der König hatte endgültig die Contenance verloren, weil Chávez zum wiederholten Mal auf dem Gipfel Zapateros Amtsvorgänger Aznar offen als „Faschisten“ bezeichnet hatte. Als dann auch noch Nicaraguas Präsident Daniel Ortega Chávez sekundierte und eine spanische Elektrizitätsfirma als „mafiose Struktur mit Gangstertaktiken“ charakterisierte, stand Juan Carlos auf und verließ den Sitzungssaal.

          „Höchster Garant spanischer Interessen“

          „Der König erteilte aller Welt eine Lektion“, befand die Madrider Zeitung „ABC“. „Er bewies mit Nachdruck, dass er der höchste Garant spanischer Interessen ist.“ Dass der Monarch auf so direkte Weise in die Politik eingreift, ist ungewöhnlich. Nach der Verfassung hat er als Staatsoberhaupt vor allem eine symbolische Funktion. Der König gibt normalerweise keine Interviews, seine Reden werden von der Regierung gegengelesen.

          Sein „Halt die Klappe“ machte in Spanien sofort die Runde. Junge Spanier luden sich die königlichen Worte als Klingelton auf ihre Handys herunter. Im Internet zirkulierten Video-Montagen, auf denen zu sehen ist, wie der König auf Chávez wie auf einen Punchingball einschlägt, dem Venezolaner mit einem Schwert Einhalt gebietet oder ihn per Fußtritt in einen Brunnenschacht stürzt.

          „Menschlich und nachvollziehbar“

          Die großen Parteien der Sozialisten (PSOE) und der Konservativen (Volkspartei/PP) billigten den königlichen Wutausbruch. Sogar der baskische Parlamentarier Iñaki Anasagasti, der die königliche Familie kürzlich noch als eine „Bande von Nichtstuern“ tituliert hatte, zeigte Verständnis: „Angesichts einer Person wie Chávez, der Venezuela in eine Diktatur führt, ist ein solcher Ausbruch menschlich und nachvollziehbar.“

          Kritik gab es in Spanien nur von Seiten der Linksparteien, die ohnehin gegen die Monarchie sind. „Der König darf einem gewählten Präsidenten nicht den Mund verbieten“, betonte die Vereinte Linke (IU). Der Parteichef der katalanischen Linksrepublikaner (ERC), Josep Lluís Carod-Rovira, sagte, der König habe sich „wie ein Hooligan“ verhalten. „Das hatte mit diplomatischen Umgangsformen nichts zu tun.“

          Die Presse dagegen sieht die Position des Monarchen gestärkt. „Seit katalanische Separatisten Fotos des Königs verbrannten, hat Juan Carlos in der Bevölkerung ständig an Sympathie gewonnen“, schrieb die Zeitung „La Vanguardia“. Vor einer Woche hatte der König schon einmal Stärke gezeigt und - trotz heftiger Proteste aus Marokko - die spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla besucht.

          Streit zwischen Argentinien und Uruguay

          Gleich zu Beginn des Iberoamerikanische Gipfeltreffen, der 17. Begegnung der Staats- und Regierungschefs aus 22 Ländern Lateinamerikas und der Iberischen Halbinsel, war der Streit zwischen Argentinien und Uruguay über den Bau einer Papierfabrik am uruguayischen Ufer des Flusses Uruguay eskaliert.

          Der uruguayische Präsident Tabaré Vázquez hatte von Santiago aus persönlich die Aufnahme des Produktionsbetriebs genehmigt und damit nicht nur seinen argentinischen Amtskollegen Néstor Kirchner brüskiert, sondern auch König Juan Carlos, der in dem Streit zwischen den beiden südamerikanischen Ländern vergeblich zu vermitteln versucht hatte.

          Enfant terrible aus Venezuela

          Auch während der Beratungen hinter verschlossenen Türen muss es immer wieder zu heftigen Diskussionen gekommen sein, wie aus den Bildern zu ersehen war, die tonlos aus dem Sitzungssaal übertragen wurden.

          Wie bei derlei Gipfeltreffen üblich, übernahm Chávez die Rolle des Enfant terrible. Er überzog nicht nur nach Belieben seine Redezeit, sondern sprach auch Themen an, die vordergründig nichts mit dem Gipfelthema, der „Sozialen Kohäsion“, zu tun hatten. Chávez' Attacken gegen das spanische Mutterland waren vor allem auf innenpolitische Wirkung berechnet. Er versucht derzeit, in Venezuela mit einem Referendum eine Verfassungsreform durchzudrücken, die ihm ermöglicht, auf Lebenszeit zu regieren.

          Unkalkulierbarer Widerstand

          Mit der Aufforderung ausgerechnet eines seiner früheren engsten Vertrauten, bei dem Referendum die Reform abzulehnen, ist Chávez unkalkulierbarer Widerstand erwachsen: Der frühere Verteidigungsminister und Chef der Streitkräfte, General Raúl Baduel, dem Chávez nach dem gescheiterten Staatsstreich im April 2002 die Rückkehr ins Präsidentenamt verdankte, bezeichnet das Verfassungsprojekt rundheraus als neuerlichen „Staatsstreich“. In dieser Situation versucht Chávez offenbar, mit Angriffen auf Aznar, der kürzlich Venezuela besucht und sich kritisch über die Verfassungsänderungen geäußert hatte, mit einer Art Entlastungsangriff Einflüsse von außen für den Widerstand gegen sein Vorhaben verantwortlich zu machen.

          Chávez schlossen sich nur Ortega sowie der bolivianische Präsident Evo Morales und der kubanische Vizepräsident Carlos Lage an. Die meisten anderen Präsidenten waren offenbar froh darüber, dass der spanische König ausgesprochen hatte, was sie auch dachten. Zapatero versuchte Chávez zu erklären, dass man unterschiedliche ideologische Positionen vertreten und trotzdem Respekt vor dem Gegner haben könne. Chávez sagte: „Der König mag König sein, aber er kann mich nicht zum Schweigen bringen.“ Juan Carlos sei „so sehr Staatschef wie ich, mit dem Unterschied, dass ich dreimal gewählt worden bin“, sagte Chávez. In dem verbalen Getöse ging fast unter, dass auch etliche Resolutionen beschlossen wurden, etwa zum Kampf gegen Terrorismus und Korruption und gegen Armut.

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