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Einsatz in Afghanistan : „Hier läuft etwas schief - der will uns“

  • -Aktualisiert am

Kabul, 14. November 2005: ein deutscher Soldat stirbt, zwei Kameraden werden schwer verletzt Bild: AP

Auch ohne Kampfeinsatz ist Afghanistan ein gefährliches Pflaster. Das zeigt das Schicksal dreier Bundeswehrsoldaten, die einem Anschlag zum Opfer fielen. Einer von ihnen starb. Die anderen beiden haben ein völlig neues Leben angefangen.

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          In der Nacht hat es geschneit. Nun klatschen dicke Regentropfen gegen die Fensterscheiben, der Wind weht feuchtes Laub aus dem nahen Wald herüber. Kein Wetter für ein gutes Freilufttraining. Tino Käßner hat das Rennrad deshalb in den Keller seines Hauses in Murnau geschafft, das Vorderrad in einer Haltevorrichtung verankert, das Hinterrad steht in einem Rollentrainer. Der 33 Jahre alte Mann sieht aus wie einer dieser Fahrer aus den Profirennställen: der Oberkörper kräftig, Arme und Oberschenkel muskulös. Er besteigt das Rennrad. Dort, wo am rechten Bein der Unterschenkel wäre, sitzt vom Knie an abwärts eine Hightech-Prothese, schwarzrotgolden lackiert. Käßner befestigt sie an der rechten Pedale, auf der linken Seite rastet der Rennfahrerschuh mit einem Klicken hörbar ein. „Olympia ruft“, sagt er.

          Am 14. November vor nunmehr gut zwei Jahren beginnt im „Camp Warehouse“ in Kabul eine neue Woche. In einem gut geschützten Gebäude hält der Bundeswehr-Kommandeur die Morgenlage ab. Die Sicherheitsleute berichten von Anschlägen auf die internationalen Truppen und warnen vor Terroristen mit Autobomben - das Übliche im Kabul dieser Tage. Seitdem sie hier vor vier Wochen eingetroffen sind, hat Tino Käßner zusammen mit seinem Kameraden und Freund Stefan Deuschl, einem Hauptfeldwebel, täglich mit dieser Bedrohung zu tun. Nach dem Mittag treffen beide den Besucherbetreuer des deutschen Kontingents, Oberstleutnant Armin Franz, einen Reservisten. Er bereitet die Visite einer Delegation aus Deutschland in Kabul am Wochenende vor. In der Stadt sind dazu Absprachen mit der örtlichen Polizei nötig. Franz und die beiden Feldjäger kennen sich von mehreren gemeinsamen Fahrten. Jeder weiß, was er zu tun hat, wenn sie in Kabul unterwegs sind. Die Lebensgefahr ist ihr ständiger Begleiter.

          Ohne Begleitung unterwegs

          Tino Käßner steuert den gepanzerten „Wolf“-Geländewagen um 14.15 Uhr aus der schwer gesicherten Feldlagereinfahrt am Rande Kabuls heraus und biegt auf die dicht befahrene Straße Richtung Stadtmitte. Stefan Deuschl sitzt auf der Beifahrerseite, Armin Franz rechts auf der Rückbank. Trotz der angespannten Sicherheitslage sind sie ohne Begleitung unterwegs. Käßner fährt wie immer zügig und konzentriert. Nur kein langsames Ziel abgeben. Die drei Soldaten sprechen kaum und beobachten die Umgebung. Nach zehn Minuten erreichen sie den Stadtrand, hier trennen in einigen Metern Abstand voneinander aufgestellte Betonpfeiler die beiden Fahrspuren. Von der gegenüberliegenden Fahrbahn zieht plötzlich mit hohem Tempo ein weißer Toyota herüber, nimmt eine Lücke zwischen zwei Betonpfeilern und kracht frontal in die Seite des „Wolf“. Tino Käßner bremst, der Wagen reagiert, dreht sich, prallt gegen einen Betonpfeiler und bleibt in Fahrtrichtung stehen. Die Airbags werden ausgelöst, die Gurte halten - die drei Soldaten sind unversehrt.

          Vom Soldaten zum Behindertensportler: Tino Käßner

          Käßners Puls rast. Er blickt zu seinen Kameraden und sieht in verunsicherte Gesichter. Sie schnallen sich ab, öffnen die Wagentüren und steigen aus. Armin Franz tritt aus der Tür, Stefan Deuschl steht auf der rechten Fahrzeugseite zwischen Beifahrertür und hinterer Tür. Tino Käßner nimmt sein Gewehr aus dem Wagen. Er blickt auf und sieht, wie der Toyota in wenigen Metern Entfernung hastig wendet. Während der Wagen kurz darauf mit kreischendem Motorgeräusch auf sie zurast, bemerkt Käßner einen Mann mit einer Paschtunenmütze auf dem Kopf hinter dem Lenkrad. Dann sieht er, wie ein Lächeln über das bärtige Gesicht hinter der zersplitterten Windschutzscheibe huscht. Käßner ist wie gelähmt, zu keiner Handlung fähig. „Hier läuft etwas schief“, denkt er nur. Dann weiß er: „Der will uns.“

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