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Einsatz in Afghanistan : „Entweder die oder ich!“

  • -Aktualisiert am

Kampf gegen einen unsichtbaren Feind - Nachtpatrouille der Bundeswehr bei Faisabad Bild: ddp

Ständige Lebensgefahr und die Angst, im Kampf zu versagen: Die Scharmützel und Gefechte, die sie sich mit den Taliban liefern, haben die wenigen Kampfverbände der Bundeswehr in Kundus an die physische und psychische Belastungsgrenze gebracht.

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          Die Scharmützel und Gefechte, die sie sich mit den Taliban liefern, haben die wenigen Kampfverbände der Bundeswehr in Kundus an die physische und psychische Belastungsgrenze gebracht. Manche Soldaten lassen sich nach Feuerüberfällen, aus denen sie sich nur mit Mühe und Glück retten konnten, aus dem Einsatz ablösen. Sie kommen mit der ständigen Lebensgefahr, der Angst, im Kampf zu versagen, nicht mehr zurecht.

          „Man denkt nicht nach, was da gerade passiert“, erklärt ein Soldat das Geschehen unter Feuer. „Entweder die oder ich!“ Jedes Mal sei die Erleichterung groß, wenn sie von einer Patrouille unversehrt ins Feldlager zurückkehren. „Man ist glücklich, dass es gut gelaufen ist, trinkt ein, zwei Bier und geht schlafen“, sagt ein Feldwebel. Wer sich zu viele Gedanken über die Geschehnisse mache, werde mürbe. „Man will überleben, das ist alles“, sagen die Soldaten.

          Kampferfahrene Rebellen aus Tschetschenien sollen in die Distrikte westlich von Kundus eingesickert sein und in den Dörfern die Talibankämpfer in Guerrillataktiken trainieren. Das Niveau, das ihre Angriffe teilweise erreichen, vergleichen Soldaten mit dem in der Bundeswehr trainierten Jagdkampf. Hinterhalte mit flankierenden und einander überlappenden Feuerstellungen, in denen improvisierte Bomben und Selbstmordattentäter eingesetzt werden.

          Ein Patrouillenwagen „Dingo” in Mazar-i-Sharif
          Ein Patrouillenwagen „Dingo” in Mazar-i-Sharif : Bild: ddp

          „Hinterhalte der Taliban“

          In Ortschaften setzten die Taliban Frauen und Kinder als Schutzschild ein und verhinderten so den Einsatz schwerer Waffen sowie von Flugzeugen. Zugleich nähmen sie die Patrouillen unter Feuer aus Panzerfäusten und Kleinwaffen. Manches Mal, berichtet ein Feldwebel, habe nicht viel gefehlt, und ein Verband, oft mehr als einhundert Soldaten stark, wäre in einem der paschtunischen Dörfer aufgerieben worden. „Nicht auszumalen, wie hoch unsere Verluste dann gewesen wären“, sagt ein Unteroffizier.

          Noch häufiger als die Bundeswehr geraten die Patrouillen der afghanischen Streitkräfte in Hinterhalte der Taliban. Ausgerüstet nur mit handelsüblichen Ford „Ranger“ und Handwaffen, sind sie ein leichtes Ziel für die Angreifer. Die Verluste der afghanischen Armee und Polizei in Kundus steigen. „Sie sind nicht nur schlecht ausgerüstet, sondern auch unfähig, eigene Operationen zu planen und durchzuführen“, heißt es unter Bundeswehrsoldaten. Gemeinsam geplante Operationen von Bundeswehr und afghanischer Armee seien wiederholt an die Taliban verraten worden. „Sicherheitsrelevante Informationen darf man ihnen nicht geben“, sagt ein Feldwebel.

          Kundus ist inzwischen „Taliban-verseucht“, wie ein Soldat sagt. Dort tauchten die regionalen Führer der Aufständischen unter. In den paschtunischen Dörfern halte sich das „Fußvolk“ der Rebellen auf, unbehelligt von Polizei und afghanischer Armee.

          Es fehlt an Ausrüstung und Personal

          Die Bundeswehr dringt nicht in das Kerngebiet der Taliban vor. Das unwegsame Gelände westlich von Kundus ist mit „Dingo“ und „Fuchs“, den beiden Patrouillenwagen der Truppe, nicht zu durchqueren. Um in die Dörfer zu kommen, wären Operationen abgesessener Infanterie notwendig. In Anbetracht der Ausrüstung und der Personalschwäche der deutschen Truppen in Kundus ist das nicht möglich. „Wir bräuchten Transport- und Kampfhubschrauber, die uns hineinbringen, Feuerschutz geben und aus Notlagen evakuieren können“, sagt ein Feldwebel. „Wir bräuchten funktionierende Fernmeldeverbindungen und mehr Soldaten, um die Orte anschließend so lange zu halten, bis afghanische Sicherheitskräfte nachrücken. Doch alles das haben wir nicht.“

          Wie sollen sie die Menschen dann schützen können, wie es der Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal von den Truppen fordert? „Gar nicht“, sagt ein Bundeswehrsoldat. „Wir können das nicht, weil wir viel zu wenige sind.“ Und das schon seit Jahren. Von Anfang an war die Bundeswehr in Kundus unterbesetzt. Doch selbst als ihr vor zwei Jahren, mit dem Einsickern von Taliban aus dem Süden und ausländischer Terroristen aus Pakistan, in der bis dahin relativ sicheren Provinz die Sicherheitslage entglitt, gab es nicht mehr Soldaten. In seinem Erfahrungsbericht an das Verteidigungsministerium im August forderte Brigadegeneral Jörg Vollmer, bis 3. Oktober Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Mazar-i-Sharif, schnellstens mindestens eine weitere Kampfkompanie mit zirka 150 Mann nach Kundus zu schicken. Doch das wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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