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Einsatz in Afghanistan : Die Quadratur des Krieges

Im Kampfeinsatz: Ein deutscher Soldat der Isaf-Truppe in Faizabad Bild: AP

Die Deutschen wollten ihm entfliehen. Jetzt hat er sie eingeholt. Es gibt politische und juristische Gründe, das Wort „Krieg“ zu meiden. Doch kann niemand mehr leugnen, welchen Charakter der „Kampfeinsatz“ in Afghanistan inzwischen hat. Der „Fall Kundus“ dürfte nur ein Vorbote dessen sein, was auf uns zukommt.

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          Den Krieg kann Deutschland niemandem mehr erklären. Das verbietet den Deutschen schon ihre Geschichte. Auch das Grundgesetz, entstanden in Ruinen, lässt daher nur die Feststellung des „Verteidigungsfalles“ zu.

          Darunter konnte man sich bis zum Zusammenbruch des Sowjetreiches vor zwanzig Jahren noch etwas vorstellen: Panzerarmeen, die durch das „Fulda Gap“ zum Rhein drängen. Mit dieser Bedrohung verblasste in Deutschland aber auch die Vorstellung, wie heutzutage ein Krieg aussehen werde. Das Kriegsbild der Deutschen wird immer noch von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg bestimmt: Krieg ist, wenn Millionen umkommen und ganze Städte ausgelöscht werden. Einen solchen, aber auch keinen anderen Krieg will in diesem Land niemand mehr. Wozu also über ihn nachdenken?

          So unvorbereitet zog Deutschland schon in seinen ersten unerklärten Krieg nach 1945, den der Nato gegen Serbien. Auch zu ihm entschloss sich keiner leichten Herzens. Doch ließ er sich in den Mantel einer (wieder von der Vergangenheit abgeleiteten) moralischen Verpflichtung hüllen: Der Balkanfeldzug firmierte, obwohl auch von realpolitischen Motiven getrieben, nicht als „Krieg“, sondern als „humanitäre Intervention“ zur Beendigung von Völkermord und Vertreibung. Damit konnten sogar die Grünen leben.

          Der Torso des Tanklastzuges nahe Kundus

          Auch der Norden wird immer mehr zum Schlachtfeld

          Der Einsatz zugunsten unschuldiger Dritter diente abermals als Argument, als Gründe dafür genannt werden mussten, was die Bundeswehr am Hindukusch zu suchen habe. Auch dieser „Stabilisierungseinsatz“ hatte von Anfang an sicherheitspolitische Ziele. Die Regierenden aber, die Stimmung im Lande fürchtend, vermittelten lieber den Eindruck, sie schickten nicht Soldaten, sondern allenfalls bewaffnete Entwicklungshelfer nach Afghanistan. Mochten Briten und Amerikaner Krieg führen – die Deutschen wollten tun, durchaus mit Sinn, was sie am besten können: aufbauen. Pioniere zu Brunnenbohrern – das hatte das Zeug, noch Pazifisten mit der unbeliebten Mission zu versöhnen.

          Und sah man nicht sofort, welches die überlegene Methode war? Im Süden, wo die Amerikaner verschwenderisch bombten (meistens ohne nachfolgendes Tribunal), kamen die Taliban zurück. Im Norden, wo wieder Mädchen in die Schule gehen konnten, schien fast schon der ewige Friede zu herrschen.

          Doch der Gegner, obwohl von der Bundeswehr nicht zu sehr bedrängt – das ist politisch so gewollt –, nimmt seit einiger Zeit keine Rücksicht mehr auf das Seelenleben der Deutschen. Der Norden wird nicht nur der Versorgungsrouten halber immer mehr zum Schlachtfeld. Der „Fall Kundus“ dürfte nur ein Vorbote dessen sein, was auf die Bundeswehr, aber auch auf Deutschland insgesamt zukommt.

          Daher kann die Politik nicht oft genug erklären, worum es in Afghanistan bei allen humanitären Beweggründen wirklich geht. Der Deutsche Bundestag schickte mit Zustimmung fast aller Parteien Tausende Soldaten an den Hindukusch, weil mit den Taliban auch Al Qaida nach Afghanistan zurückkehrte und dort wieder eine Basis bekäme, vielleicht sogar mit Zugang zur pakistanischen Atombombe. Der islamistische Terrorismus aber hat, siehe Sauerland-Zelle, längst auch Deutschland ins Visier genommen.

          Der afghanische Krieg hat Deutschland eingeholt

          Es gibt politische und juristische Gründe, das Wort „Krieg“ zu meiden. Doch kann niemand mehr leugnen, welchen Charakter der „Kampfeinsatz“ in Afghanistan inzwischen hat; der Gebrauch des Wortes „Gefallene“ belegt das. Die Taliban jedenfalls führen einen uneingeschränkten Krieg gegen die ausländischen Truppen und somit die Bundeswehr. Der „heilige Krieg“, den die islamistischen Terroristen vor acht Jahren für alle Welt sichtbar dem Westen erklärten, ist ebenfalls ein totaler. Er würde nicht enden, selbst wenn morgen alle Truppen aus Afghanistan abzögen. Für Al Qaida wäre dieser Triumph nur Ansporn.

          Das alles hat Struck den Deutschen klarmachen wollen, als er vor sieben Jahren sagte, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Dieses bis dahin unerhörte Wort schlug seinerzeit kaum Wellen; man wollte es lieber nicht zu gründlich durchdenken. Allerdings kamen damals noch keine Särge aus Afghanistan zurück. Auch starben noch keine Afghanen von deutscher Hand, nicht einmal Taliban. Das hat sich geändert. Der afghanische Krieg hat Deutschland, das ihm auf zivilen Wegen entkommen wollte, eingeholt.

          Das aber heißt, dass Deutschland mit Fragen und Entscheidungen konfrontiert wird, denen es sich lange nicht mehr zu stellen brauchte – und denen es sich auch nicht stellte. Leidtragende sind die Soldaten der Bundeswehr, die in Afghanistan in unzureichender Stärke Aufträge erfüllen sollen, die schlicht nicht gleichermaßen zu erfüllen sind: Sie sollen eine Partisanentaktik anwendende Guerrillatruppe bekämpfen, dabei aber unbedingt eigene und zivile Verluste vermeiden. Was aber sollen sie tun, wenn das eine nicht ohne das andere geht?

          Neulich am Kundus-Fluss schien die Quadratur des Krieges doch möglich zu sein, mitten in der Nacht, auf einer Sandbank. Dem deutschen Obersten, der den Befehl zur Bombardierung gab, wird nun vorgeworfen, dass er daran glaubte. Wenn man schon diesen Vorwurf erheben will, dann muss man ihn ausdehnen: auf alle, die den Offizier und seine Soldaten mit dieser „Mission impossible“ betraut haben.

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