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Einsatz in Afghanistan : Der Preis der Freiheit

Engagement am Wendepunkt Bild: dpa

Als die ersten deutschen Soldaten in den Antiterrorkampf geschickt wurden, schien ihnen ein rascher Sieg zu winken. An der Schwelle zum siebten Jahr des Afghanistan-Einsatzes ist das internationale Engagement an einen Wendepunkt gelangt, meint Jochen Buchsteiner.

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          Als die ersten deutschen Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden, schien ihnen ein rascher Sieg im Antiterrorkampf zu winken. Der überraschend schnelle Sturz der Taliban lag erst kurz zurück, statt eines Mullahs regierte in Kabul nun ein Mann des Westens. Der afghanische Teufel schien ausgetrieben, die Wiederherstellung von Recht und Demokratie nur noch abgesichert werden zu müssen. Mit damals 2000 Soldaten stellte Deutschland das größte Kontingent der Isaf-Schutztruppe, und weil es Gastgeber der Afghanistan-Konferenz gewesen war, fühlten sich manche in Berlin fast wie Paten eines „befreiten Landes“.

          Daran möchten heute nur noch wenige erinnert werden. Die Truppen, die einen „Beitrag zum Wiederaufbau“ leisten sollten, sind in einen Krieg geraten. Aus den Entwicklungshelfern in Uniform wurden Soldaten; mehr als zwanzig von ihnen haben dort schon ihr Leben gelassen, und mit der Lage verschlechterte sich die Stimmung. Eine Mehrheit der Deutschen lehnt den Einsatz mittlerweile ab, in anderen Ländern schwindet die Unterstützung ebenfalls.

          Am Wendepunkt

          An der Schwelle zum siebten Jahr des Einsatzes ist das internationale Afghanistan-Engagement an einen Wendepunkt gelangt. Der Weg, der beschritten wird, führt offensichtlich nicht an jenes Mindestziel heran, über das Einigkeit herrscht: Afghanistan so zu stabilisieren, dass es aus eigener Kraft verhindern kann, abermals zu einem großflächigen Ausbildungslager für Terroristen und damit zu einer Gefahr für die Welt zu werden.

          Die radikalste Alternative zu einem „Weiter so“ wäre der Rückzug, wie ihn in Deutschland die Linke befürwortet. Sie muss sich fragen, ob sie den Argumenten der Mullahs auf den Leim gegangen ist. Nichts spricht dafür, dass die Extremisten von ihren Zielen abrücken, sollten die „Ungläubigen“ jenes Terrain verlassen, das sie „muslimischen Boden“ nennen. Der Terror gegen westliche Einrichtungen hat begonnen, lange bevor die Vereinigten Staaten die Regierungen in Kabul und in Bagdad stürzten.

          Die Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak mögen die Gewaltbereitschaft der Islamisten anfeuern. Aber selbst wenn dort kein einziger Ausländer mehr stationiert wäre, würden die extremistischen Vordenker neu-alte Vorwürfe an den Westen richten: die Unterstützung Israels im Palästina-Konflikt, die „Ausbeutung“ der Ölvorräte im Golf, die strukturelle Unterdrückung der Muslime durch die Globalisierung und nicht zuletzt die Verletzung ihrer religiösen Gefühle durch Kommentare, Bücher oder Karikaturen. Die islamistischen Fanatiker, die in Afghanistan ihre Krieger ins Feld schicken, führen keinen „Befreiungskampf“, sie bekämpfen andere - nichtmuslimische - Lebensstile.

          Es bedarf einer Verdreifachung des Kontingents

          Afghanistan ist heute einer jener Orte, an denen dieser Kampf geführt wird. Das Argument, dass er nicht allein mit militärischen Mitteln zu gewinnen sei, ist so wahr wie das Gegenteil: Ohne militärisches Engagement - genauer: ohne höheren militärischen Einsatz - ist er so gut wie verloren. Noch immer kontrollieren die von der Nato und von Amerika geführten Truppen allenfalls die Bevölkerungszentren. Ihre Verstärkung von 15.000 auf fast 50.000 Mann reicht nicht aus, um den islamistischen Widerstand in Schach zu halten. Die Sicherheitsexperten in Afghanistan sind sich heute einig, dass es mindestens einer Verdreifachung des Kontingents bedarf, um die Taliban wirksam zu isolieren. Selbst mit solcher Kampfstärke haben die (für eine schlechtere Sache kämpfenden) Sowjetsoldaten nach zehn Jahren aufgeben müssen.

          Die Sicherheitslage macht es schwer, den Afghanen jenes bisschen Wohlstand zu liefern, das Politiker gern als „Friedensdividende“ bezeichnen. Was Entwicklungshelfern oder Bauingenieuren droht, die in der falschen Region arbeiten, haben in den vergangenen Monaten nicht zuletzt Deutsche leidvoll erfahren müssen. Der schleppende, manche meinen: gescheiterte Wiederaufbau leidet aber nicht nur unter Sicherheitsdefiziten. Noch immer fließen viel Geld und Energie in Projekte, die im Westen mehr Anhänger haben als in Afghanistan selbst. Statt dem Land die Segnungen westlicher Demokratien - bis hin zur Gleichberechtigung von Mann und Frau - näherzubringen, würden ein paar mehr Straßen oder Kraftwerke vermutlich einen tieferen Eindruck hinterlassen, vor allem auf dem Land.

          Auch die bedingungslos wirkende Unterstützung des Präsidenten Karzai hat dem Wiederaufbau nicht nur genutzt. Die Summen, die in seinem Regierungsapparat verschwinden, sind horrend, und dort, wo die internationalen Hilfsgelder am Zielort landen, werden - zumal im umkämpften Süden - jene begünstigt, die dem Clan des Präsidenten nahestehen. So entsteht Wut, die sich am wirkungsvollsten an der Seite der Taliban austoben lässt. Die Doktrin, dass Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird, gilt unverändert. Nur wird inzwischen deutlich, was sie kostet: mehr Zeit, mehr Geld, mehr frische Ideen für die Organisation des Wiederaufbaus. Sie verlangt aber eben auch mehr Soldaten - und vermutlich mehr Opfer unter denen, die in Afghanistan für unsere Werte den Kopf hinhalten.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

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