https://www.faz.net/-gpf-6z18o

Einreiseverbot für Grass : „Hysterische Überreaktion“

Bild: Greser & Lenz

Auch in Israel regt sich Kritik am Einreiseverbot für Günter Grass. „Wer Schriftsteller boykottiert, wird am Ende Bücher verbrennen“, warnt der israelische Autor Joram Kaniuk. Chemie-Nobelpreisträger Aaron Ciechanover bezeichnet es als falsch, „auf Unsinn mit neuem Unsinn zu antworten“.

          2 Min.

          In Israel ist am Pessachwochenende sowohl der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass als auch das Einreiseverbot kritisiert worden, das gegen ihn nach seiner in Gedichtform geübten Kritik an Israel verhängt wurde. Innenpolitisch motivierten „Populismus“ nannte etwa der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, das Einreiseverbot, das Innenminister Eli Jischai gegen den Schriftsteller am Sonntag verhängt hatte. Zugleich sagte Primor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er halte die Behauptung von Grass, Israel wolle Iran auslöschen, für lächerlich: „Aber er ist weder ein Antisemit noch ein Israel-Feind.“

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der israelische Autor Joram Kaniuk warnte: „Wer Schriftsteller boykottiert, wird am Ende Bücher verbrennen.“ Auch der israelische Chemienobelpreisträger Aaron Ciechanover bezeichnete es als falsch, „auf Unsinn mit neuem Unsinn zu antworten“. Die Zeitung „Haaretz“ beschrieb die Ankündigung des Innenministeriums als eine hysterische Überreaktion.

          Zuvor hatten sich Jischai und der israelische Außenminister Lieberman bei ihren Angriffen auf Günter Grass gegenseitig überboten: Sie schimpften nicht nur über den jüngsten Text des Deutschen, sondern auch über seine anderen angeblich Israel-feindlichen „Gedichte“ und „Bücher“. Beide hatten zuvor offenbar nichts von Grass gelesen, obwohl einige Werke auch in hebräischer Übersetzung vorliegen.

          Jischai nutzte nun ein Gesetz, das ehemaligen Nationalsozialisten die Einreise nach Israel verbietet. Dem Vernehmen nach koordinierte er den Schritt nicht mit anderen Ressorts. Grass fache den Hass gegen Israel an und verbreite eine Idee, „die er früher unterstützt hatte, als er selbst eine SS-Uniform trug“, sagte Jischai am Sonntag. Grass hatte schon im Jahr 2006 in einem Interview mit der F.A.Z. zugegeben, gegen Kriegsende der Waffen-SS angehört zu haben.

          Will nichts zurücknehmen: Literaturnobelpreisträger Günter Grass

          Das israelische Innenministerium hatte in der Vergangenheit immer wieder Einreiseverbote verhängt. Gewöhnlich geschieht das aber ohne öffentliche Vorankündigung. Davon betroffen waren früher zum Beispiel der Berliner CDU-Politiker Heinrich Lummer und der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider.

          Meistens geht es bei solchen Verboten aber um Besuche in den palästinensischen Autonomiegebieten, deren Außengrenzen Israel kontrolliert. So ließ die Regierung im Juni 2010 Entwicklungsminister Dirk Niebel aus politischen Gründen nicht über den israelischen Übergang in Erez in den Gazastreifen fahren. Solche Ministerreisen könnten die die Legitimität der Hamas-Regierung stärken, hieß es damals in Jerusalem. Im folgenden Jahr holte Niebel den Besuch mit offizieller israelischer Genehmigung nach. Vor ihm war schon Außenminister Westerwelle dort.

          Im Sommer 2011 hatte Israel zuletzt am Tel Aviver Flughafen 15 pro-palästinensische Aktivisten aus Deutschland abgeschoben, die an einer Solidaritätswoche im Westjordanland teilnehmen wollten. Die Behörden hatten sie und weitere mehr als hundert Europäer als eine „Gefahr für die öffentliche Ordnung“ eingestuft. Mehr als 200 Aktivisten wurden schon in Europa daran gehindert, Flugzeuge nach Israel zu besteigen. Für nächstes Wochenende ist eine ähnliche Aktion geplant.

          Weitere Themen

          Groteske Geschichtsklitterung

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.