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Einmischung in Wahlkampf : Trolle gegen Clinton

Dieses Haus in St. Petersburg soll das Zentrum der Trolle sein. Bild: Friedrich Schmidt

Die amerikanischen Geheimdienste sind schon lange überzeugt, dass der Kreml in die Präsidentenwahl 2016 eingegriffen hat. Nun gibt es auch Beweise aus Russland selbst. Sie führen zu alten Bekannten.

          Amerikanische Berichte über russische Einmischung in den Präsidentenwahlkampf, der mit dem Sieg Donald Trumps endete, sind Legion. Nun haben auch russische Medien die Spur aufgegriffen. Sie führt zu einem Bürogebäude in der Sankt Petersburger Sawuschkina-Straße 55. Es ist seit 2013 als „Trollfabrik“ bekannt, als Heimstatt von Bloggern und Online-Kommentatoren im Sinne des Kremls. Die „Internetanalysen-Agentur“ wird Jewgenij Prigoschin zugeordnet, einem Weggefährten von Präsident Putin. Prigoschin verdient als Gastronomiedienstleister für öffentliche Einrichtungen viel Staatsgeld. Seit langem wird vermutet, dass er dafür die Online-Söldner im „Informationskrieg“ finanziert, in dem sich der Kreml mit dem Westen sieht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wie sie arbeiten, ist dank Aussteigern und Reportern bekannt: Anhand „technischer Aufgaben“ ist etwa in sozialen Netzwerken und in Online-Foren gegen Oppositionelle und den Westen Stimmung zu machen. Auch dort selbst: „Wir hatten das Ziel, die Amerikaner gegen ihre Regierung einzustellen“, sagte ein früherer Mitarbeiter der „Trollfabrik“ nun dem Sender TV Doschd. Der Mann arbeitete demnach eineinhalb Jahre bis Anfang 2015 in der Sawuschkina-Straße, sechs Monate davon in der „ausländischen Abteilung“. Für 50.000 Rubel im Monat, damals um die 900 Euro, verfasste er Kommentare in Foren etwa der „New York Times“ und der „Washington Post“. Schlichtes Russland-Lob sei unerwünscht gewesen, denn den Amerikanern sei Russland „wurscht“. Vielmehr hätten er und seine Kollegen gezielt Streit schüren müssen, zu Themen wie Schusswaffen, Rassenkonflikt, Homosexualität. „Wenn es um Schwule ging, musste man fast immer zu religiösen Themen überleiten.“ Das hat dir immer zwei Dutzend Likes gebracht“, so der Mann. Es galt demnach, „Unruhen hervorzurufen“.

          Facebook hatte im September angegeben, dass die „Internetanalysen-Agentur“ zwischen Juni 2015 und Mai 2017 Anzeigen für mehr als 100.000 Dollar in dem Netzwerk geschaltet hatte, die mit rund 470 Nutzerkonten und Seiten verbunden gewesen seien, die man blockiert habe. Das Moskauer Medienhaus RBK legte nun eine Recherche über die Aktivitäten der „Trollfabrik“ im Umfeld der Präsidentenwahl vor: eine Liste von 118 Gruppen und Themenseiten auf Facebook, Twitter und Instagram, die bis August 2017 funktioniert und fast sechs Millionen Abonnenten gehabt hätten. Aus Petersburg wurde demnach Salz in die Wunden des Gegners gestreut, mit Facebook-Gruppen zu Rassenproblematik wie „Blacktivist“ (388.000 Abonnenten), zu Einwanderung wie „Stop All Invaders“ (195.000) und zu Waffenbesitz wie „Defend the 2nd“ (98.000).

          Eine aus Petersburg verwaltete Facebook-Gruppe namens „United Muslims of America“ mit 330.000 Abonnenten rief laut RBK zum Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 im vorigen Jahr dazu auf, einen Beitrag zu teilen, „wenn ihr glaubt, dass Muslime an 9/11 nichts getan haben“. Für diese Arbeit sei die Zahl der „Trolle“, die sich nur mit den Vereinigten Staaten befassten, zum Sommer 2016 auf 80 bis 90 Personen fast verdoppelt worden. Rund zehn Prozent aller Mitarbeiter seien allein für die „amerikanische Abteilung“ tätig gewesen, mit Lohnkosten von rund einer Million Dollar im Jahr. Diese Leute hätten jede Woche mehr als 1000 Beiträge erstellt und gepostet, die zwischen 20 und 30 Millionen Mal aufgerufen worden seien.

          Die Inhalte fügten sich laut RBK „angeblich zufällig“ in die Rhetorik des Kandidaten Trump ein. Alle amerikanischen Probleme seien mit den Demokraten verbunden worden, deren Kandidatin Hillary Clinton „schuldig“ erschienen sei. Laut RBK postete die Petersburger Facebook-Gruppe „Being Patriotic“ mit 221 000 Abonnenten zum Jahrestag des Anschlags auf das amerikanische Konsulat in Benghasi im September 2016: „Clinton besteht darauf: Wir haben nicht einen Amerikaner in Libyen verloren. Vier mit Flaggen bedeckte Gräber waren nicht leer, Hillary.“ Demnach fanden 2016 und 2017 sogar rund 40 Veranstaltungen in den Vereinigten Staaten auf Initiative der Trolle statt. Über die Petersburger Gruppe „BlackMattersUS“ mit 225.000 Facebook-Abonnenten – sie kopiert die Bewegung „Black Lives Matter“ – wurden laut RBK rund zehn Proteste etwa gegen Polizeigewalt organisiert. Die Petersburger Gruppe „Being Patriotic“ rief im August 2016 zu 17 Aktionen für Trump in Florida auf, zwei sollen stattgefunden haben.

          Aus Moskauer Sicht wurde so nicht nur einer unliebsamen Kandidatin und Staatsform geschadet, sondern Vergeltung für angebliche amerikanische Umtriebe in Russland geübt, brandmarkt man doch die eigene Opposition als „fünfte Kolonne“. Derzeit arbeiten laut RBK noch rund 50 Personen für die „amerikanische Abteilung“.

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