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Der Einfluss des IS : Zurückgedrängt – aber noch längst nicht besiegt

Der Hass wird bleiben: Ein Propaganda-Schriftzug des IS im syrischen Raqqa. Bild: Reuters

Mit dem Territorium des IS sind auch dessen Finanzen geschrumpft. Doch der Anschlag in Barcelona zeigt: Seine Fähigkeit, Anhänger im Westen zu Terror zu motivieren, ist ungebrochen.

          3 Min.

          Mein Staat bleibt erhalten, feuert auf den Feind. Seine Soldaten rufen, dass er erhalten bleibt. Sein Pfad wird nicht beendet werden; sein Licht strebt danach, sich zu verbreiten.“ Es sind die ersten Zeilen einer der jüngsten Propagandahymnen, die der „Islamische Staat“ (IS) produziert hat. Sie ist Eingeständnis und Kampfansage zugleich: Der Text trägt der Tatsache Rechnung, dass das Territorium des IS stetig schwindet.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Zugleich macht er deutlich, dass der Krieg gegen die Terrororganisation noch lange nicht vorbei ist und dass die Dschihadisten nicht so einfach aufgeben werden. Immer wieder schlagen Terroristen des in seinem arabischen Herrschaftsgebiet bedrängten IS in Europa zu, um Angst zu schüren und die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Gesellschaften zu vergiften. Der Anschlag von Barcelona ist ein weiterer dieser Terrorakte, die unter dem Banner des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi verübt wurden.

          Anschläge im Westen als Reaktion auf Rückschläge

          Dass der IS dazu übergangen ist, auch im Westen zuzuschlagen, ist eine Reaktion auf die Rückschläge, die sein Staatsbildungsprojekt im Zuge der amerikanisch geführten Militärkampagne erlitten hat. Das Terrain des IS schwindet – und damit sowohl seine Anziehungskraft als auch seine finanziellen Einkünfte. Nach Angaben aus den amerikanischen Sicherheitsbehörden hat der IS seit Juni 2014 Zehntausende Kämpfer verloren und wichtige Strategen in der Führung.

          Die Terrororganisation hat demnach etwa zwei Drittel des Territoriums eingebüßt, das die Dschihadisten im Zuge ihrer spektakulären Eroberungsfeldzüge unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Nach einem langen Abnutzungskrieg wurde die Miliz vergangenen Monat aus der nordirakischen Großstadt Mossul vertrieben, wo sich Bagdadi im Sommer 2014 zum Kalifen erklärt hatte. Im Irak verlagert sich der Krieg jetzt in die Stadt Tell Afar, die an einer strategisch wichtigen Verbindungsroute nach Syrien liegt. Dort steht der IS ebenfalls zunehmend unter Druck.

          „Kalif“: Abu Bakr al Bagdadi lebt im Untergrund.
          „Kalif“: Abu Bakr al Bagdadi lebt im Untergrund. : Bild: AP

          Milizionäre der von Amerika unterstützten „Syrischen Demokratischen Kräfte“ haben den Sturm auf Raqqa begonnen und drängen den IS in seiner syrischen Bastion zurück. Nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden hat die IS-Führung sich ins Euphrat-Tal im syrisch-irakischen Grenzland zurückgezogen. Schon länger heißt es, dass der Ort Al Mayadin zu einem neuen Zentrum des taumelnden IS-Regimes aufgebaut wurde. Der Kalif lebt im Untergrund.

          Sein inzwischen getöteter Sprecher Abu Muhammad al Adnani hatte schon im vergangenen Jahr vorgebaut. Der Verlust von Städten wie Raqqa, Mossul oder auch Sirte werde nicht das Ende des „Islamischen Staats“ bedeuten, sagte er in einer Botschaft zum Fastenmonat Ramadan. Das Kalifat sei erst besiegt, wenn der Kampfgeist seiner Anhänger gebrochen sei. Er hat zugleich dschihadistische Gewalttäter aus dem Westen ermuntert, die „Ungläubigen“ ihrer Heimat zu treffen, anstatt die Reise in die Levante anzutreten. „Jeder noch so kleine Akt, den ihr auf ihrem Boden begeht, ist uns teurer als der größte Akt hier“, sagte Adnani an die Adresse der „Soldaten und Unterstützer des Kalifats in Europa und Amerika“.

          Lange hatten die Erfolge des IS auf den syrischen und irakischen Schlachtfeldern junge Dschihadisten in Europa in ihren Bann gezogen. In Bagdadis Reich konnten die Extremisten ihre Gewaltphantasien ausleben, sahen ihre Utopie von einem Gottesstaat verwirklicht. Nicht wenige Dschihadreisende sind inzwischen ernüchtert angesichts der Entbehrungen im Dienste des IS-Kalifen, unter dessen schrumpfender Kriegskasse auch die Zuwendungen an die Kämpfer leiden.

          Schon länger gibt es Berichte über Desertionen ausländischer Kämpfer, die sich lieber den heimischen Behörden stellen. Dokumente der IS-Bürokratie haben Problemfälle festgehalten – Kämpfer, die etwa vorgaben, krank zu sein, um sich den Gefechten zu entziehen. Doch der IS hat erfolgreich daran gearbeitet, unter den Dschihadisten im Westen ein Ermächtigungsgefühl zu verbreiten, das sie zu Anschlägen wie jenen in Barcelona, Berlin oder Paris verleitet.

          Bild: F.A.Z.

          So dürfte die Bedrohung des Westens durch den IS andauern. Die Terrororganisation hat über Jahre eine Abteilung für Auslandsoperationen aufgebaut. Seitdem die ursprünglich irakische Gruppe 2012 in Syrien aktiv wurde, habe sie über Anschläge im Westen nachgedacht, sagte ein ehemaliger amerikanischer Geheimdienstoffizier der „New York Times“. Dabei spielt es für den IS keine Rolle, ob gelenkte Terrorzellen zuschlagen oder eigenständige Einzeltäter Terrorakte in Bagdadis Namen verüben.

          Auf den Schlachtfeldern der Levante haben sich Dschihadisten verschiedener europäischer Länder vernetzen können. Eine Studie der Forschungseinrichtung „International Centre for the Study of Radicalization and Political Violence“, die sich mit den herben finanziellen Einbußen des IS beschäftigte, kam zu dem Schluss, dass die Fähigkeit, Anschläge außerhalb seines Territoriums zu verüben, fürs Erste nicht eingeschränkt sein dürfte.

          Der IS hinterlässt Spuren

          Zwischen 2014 und 2016 haben sich nach den Schätzungen der Studie die Einnahmen des IS von rund 1,9 Milliarden Dollar auf 870 Millionen Dollar in etwa halbiert. Wichtige Finanzquellen wie Abgaben der Untertanen, Wegzoll an wichtigen Verkehrswegen oder Öleinkünfte seien an das Herrschaftsgebiet geknüpft und würden mit seinem Abnehmen immer weiter versiegen. Doch Anschläge wie nun in Spanien sind relativ billig. Mancher Attentäter, so die Studie, werde lediglich über Kurznachrichtendienste ferngelenkt.

          Der IS hinterlässt nicht nur im Westen ein schweres Erbe. Auch in seinem Kernland dürften die Folgen seines Aufstiegs noch lange nach der militärischen Niederlage spürbar sein. In Mossul zum Beispiel haben die monatelangen Gewaltorgien die Menschen verroht und neuen Hass in der Bevölkerung gesät. Hier hat der IS ideale Bedingungen dafür geschaffen, im Untergrund an seiner Rückkehr zu arbeiten. „Die muslimische Nation ist aus ihrem Schlummer erwacht“, heißt es in der IS-Propagandahymne vom Staat, der bleibe. „O ihr Leute des Irrtums! Der Staat bleibt erhalten – er verschwindet nicht, er steht fest wie die Berge.“

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