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Der Einfluss des IS : Zurückgedrängt – aber noch längst nicht besiegt

Lange hatten die Erfolge des IS auf den syrischen und irakischen Schlachtfeldern junge Dschihadisten in Europa in ihren Bann gezogen. In Bagdadis Reich konnten die Extremisten ihre Gewaltphantasien ausleben, sahen ihre Utopie von einem Gottesstaat verwirklicht. Nicht wenige Dschihadreisende sind inzwischen ernüchtert angesichts der Entbehrungen im Dienste des IS-Kalifen, unter dessen schrumpfender Kriegskasse auch die Zuwendungen an die Kämpfer leiden.

Schon länger gibt es Berichte über Desertionen ausländischer Kämpfer, die sich lieber den heimischen Behörden stellen. Dokumente der IS-Bürokratie haben Problemfälle festgehalten – Kämpfer, die etwa vorgaben, krank zu sein, um sich den Gefechten zu entziehen. Doch der IS hat erfolgreich daran gearbeitet, unter den Dschihadisten im Westen ein Ermächtigungsgefühl zu verbreiten, das sie zu Anschlägen wie jenen in Barcelona, Berlin oder Paris verleitet.

Bild: F.A.Z.

So dürfte die Bedrohung des Westens durch den IS andauern. Die Terrororganisation hat über Jahre eine Abteilung für Auslandsoperationen aufgebaut. Seitdem die ursprünglich irakische Gruppe 2012 in Syrien aktiv wurde, habe sie über Anschläge im Westen nachgedacht, sagte ein ehemaliger amerikanischer Geheimdienstoffizier der „New York Times“. Dabei spielt es für den IS keine Rolle, ob gelenkte Terrorzellen zuschlagen oder eigenständige Einzeltäter Terrorakte in Bagdadis Namen verüben.

Auf den Schlachtfeldern der Levante haben sich Dschihadisten verschiedener europäischer Länder vernetzen können. Eine Studie der Forschungseinrichtung „International Centre for the Study of Radicalization and Political Violence“, die sich mit den herben finanziellen Einbußen des IS beschäftigte, kam zu dem Schluss, dass die Fähigkeit, Anschläge außerhalb seines Territoriums zu verüben, fürs Erste nicht eingeschränkt sein dürfte.

Der IS hinterlässt Spuren

Zwischen 2014 und 2016 haben sich nach den Schätzungen der Studie die Einnahmen des IS von rund 1,9 Milliarden Dollar auf 870 Millionen Dollar in etwa halbiert. Wichtige Finanzquellen wie Abgaben der Untertanen, Wegzoll an wichtigen Verkehrswegen oder Öleinkünfte seien an das Herrschaftsgebiet geknüpft und würden mit seinem Abnehmen immer weiter versiegen. Doch Anschläge wie nun in Spanien sind relativ billig. Mancher Attentäter, so die Studie, werde lediglich über Kurznachrichtendienste ferngelenkt.

Der IS hinterlässt nicht nur im Westen ein schweres Erbe. Auch in seinem Kernland dürften die Folgen seines Aufstiegs noch lange nach der militärischen Niederlage spürbar sein. In Mossul zum Beispiel haben die monatelangen Gewaltorgien die Menschen verroht und neuen Hass in der Bevölkerung gesät. Hier hat der IS ideale Bedingungen dafür geschaffen, im Untergrund an seiner Rückkehr zu arbeiten. „Die muslimische Nation ist aus ihrem Schlummer erwacht“, heißt es in der IS-Propagandahymne vom Staat, der bleibe. „O ihr Leute des Irrtums! Der Staat bleibt erhalten – er verschwindet nicht, er steht fest wie die Berge.“

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